Wenn der ORF Männerhass erklärt – und dabei selbst den Unterschied nicht kennt

Wenn der ORF Männerhass erklärt – und dabei selbst den Unterschied nicht kennt

Ein Ö1-Beitrag über „Angst vor Männern“ sorgt für Aufregung. Dahinter steckt mehr als ein skurriles Radiogespräch: Es geht um die Frage, was öffentlich-rechtliches Rundfunken eigentlich bedeutet.


Was im Ö1-Studio passierte

Es war ein Studiogespräch im Ö1-Format „Context“ – und es hätte ein ernsthaftes sein können. Autorin Nicole List durfte laut exxpress.at ausführlich ihre persönliche „Angst vor Männern“ schildern. Ohne einer Einordnung oder gegenstimmendes Expertenfazit. Einfach so. Im Radio, das aus Pflichtbeiträgen der gesamten österreichischen Bevölkerung finanziert wird.

Das Problem: Wer über Angst vor Männern spricht, muss zuerst wissen, wovon er spricht. Denn die klinische Realität ist komplexer als ein Meinungsgespräch.

Androphobie und Misandrie – das ist nicht dasselbe

Die Androphobie – also die irrationale, klinisch relevante Angst vor Männern – ist eine anerkannte Sozialphobie, klassifiziert unter F40.1 im ICD-10. Wie das Fachportal angst-verstehen.de erläutert, entsteht sie meist aus traumatischen Erfahrungen wie sexuellem Missbrauch oder körperlicher Gewalt. Betroffene leiden darunter – sie wollen diese Angst überwinden, nicht zelebrieren. Die Standardbehandlung laut Fachliteratur: Psychotherapie, Expositionstherapie, kognitive Verhaltenstherapie.

Davon strikt zu unterscheiden ist die Misandrie – der Hass auf Männer als Gruppe. Die Misandrie ist keine Diagnose, sondern eine Haltung. Und genau hier beginnt das journalistische Problem: Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender diese Grenze verwischt, wenn also persönliche Abneigung als quasi-klinisches Leiden verpackt wird, dann ist das keine Empathie. Das ist Framing.

Was öffentlich-rechtlich heißt – und was nicht

Der ORF wird nicht zufällig aus Pflichtabgaben finanziert. Das Prinzip dahinter ist simpel: Wer zahlt, soll auch abgebildet werden – in seiner Vielfalt, mit seinen Fragen, in seiner Würde. Das schließt Männer ein. Und es schließt ein, dass ein Medienbeitrag, der die pauschale Angst vor einer Bevölkerungsgruppe unkritisch zum Programm macht, zumindest eine Gegenstimme verdient hätte.

Stellen wir die Frage andersherum: Würde Ö1 einer Autorin, die sagt, sie habe generell Angst vor Frauen – oder vor Menschen mit Migrationshintergrund – dieselbe unkommentierte Plattform bieten? Die Antwort kennen wir alle. Und sie ist der eigentliche Kommentar zu diesem Beitrag.

Das Unbehagen ist berechtigt – aber der richtige Ort dafür wäre die Therapie

Das soll keine Verharmlosung echter Traumata sein. Frauen, die sexuelle Gewalt durch Männer erfahren haben und daraufhin Angst entwickeln, verdienen Mitgefühl, Unterstützung und professionelle Hilfe. Genau diese Unterstützung bieten Expositionstherapie und kognitive Verhaltenstherapie – nicht ein Radioauftritt, in dem das Muster verstärkt und normalisiert wird.

Der ORF hätte aus einem schwierigen Thema etwas Wertvolles machen können: eine differenzierte Auseinandersetzung mit Trauma, mit klinischer Angst, mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die Männerfeindlichkeit begünstigen – und mit dem Unterschied zwischen Diagnose und Ideologie. Stattdessen lieferte man ein unkritisches Gesprächsgespräch, das Kopfschütteln hinterließ – auf allen Seiten.

Am Ende geht es ums Prinzip

Medien formen Sprache. Und Sprache formt, wie wir über Menschen denken. Wenn eine öffentlich-rechtliche Institution unkritisch Angst vor einer Bevölkerungsgruppe als legitimes Lebensgefühl rahmt, dann ist das keine Aufklärung. Es ist das Gegenteil davon.

Der ORF kann und soll unbequeme Themen aufgreifen. Aber mit Haltung. Mit Substanz. Und mit dem Mut, auch die unbequeme Folgefrage zu stellen: Ist das Angst – oder ist das Hass?

Credits: APA

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