Österreich hat die kalte Progression offiziell abgeschafft — und trotzdem haben viele Besserverdiener seit Jänner 2026 weniger Geld auf dem Konto. Wie das sein kann, erklärt sich im steuerpolitischen Kleingedruckten.
Nur zwei Drittel der Entlastung kommen an
Seit 2023 werden die Lohnsteuerstufen jährlich an die Inflation angepasst, um die kalte Progression zu verhindern. Eigentlich. Denn wie finanz.at berichtet, setzt die Bundesregierung für 2026 nur zwei Drittel der eigentlich vorgesehenen Inflationsanpassung um. Das dritte Drittel wurde dem Sparpaket geopfert. Grundlage ist die rollierende Inflation von Juli 2024 bis Juni 2025, die bei 2,63 Prozent lag — angepasst wurden die Tarifstufen aber nur um 1,75 Prozent. Das Ergebnis: Wer eine Gehaltserhöhung bekommt, die lediglich die Inflation ausgleicht, hat real weniger Kaufkraft als zuvor.
SV-Beiträge steigen deutlich — und fressen die Entlastung auf
Das eigentliche Problem liegt bei den Sozialversicherungsbeiträgen. Wie die Österreichische Gesundheitskasse und finanz.at dokumentieren, stieg die monatliche Höchstbeitragsgrundlage ab Jänner 2026 von 6.450 auf 6.930 Euro — ein Anstieg von knapp 7,5 Prozent, basierend auf der Aufwertungszahl von 1,073. Die jährliche Grenze kletterte damit von 90.300 auf 97.020 Euro.
Das bedeutet: Wer mehr als rund 6.575 Euro brutto im Monat verdient, zahlt ab sofort auf einen größeren Teil seines Einkommens Sozialversicherungsbeiträge. Wie Börse Express berichtet, fressen diese höheren SV-Abzüge die minimale Lohnsteuersenkung bei Gutverdienern vollständig auf — mit negativem Saldo unterm Strich.
Ein konkretes Beispiel, das heute.at vorrechnet: Eine leitende Angestellte mit einem Bruttogehalt, das unverändert bleibt, verliert allein durch die veränderten Abzüge über das Jahr 2026 gerechnet rund 566 Euro netto. Bei 6.700 Euro brutto monatlich ergibt sich laut Berechnungen von finanz.at ein monatliches Minus von rund 14 Euro — auf ein Jahr gerechnet über 250 Euro weniger.
Spitzensteuersatz von 55 Prozent bleibt bis 2029
Dazu kommt ein weiterer Punkt: Wie Börse Express berichtet und finfo.at bestätigt, wurde der Spitzensteuersatz von 55 Prozent auf Jahreseinkommen über einer Million Euro — der ursprünglich 2025 auslaufen sollte — um weitere vier Jahre bis Ende 2029 verlängert. In absoluten Zahlen betrifft das nur wenige hundert Steuerpflichtige in Österreich, ist aber ein klares Signal zur Richtung der Budgetpolitik.
Hintergrund: Defizitdruck zwingt zur Einnahmenseite
Wie der parlamentarische Budgetdienst in seiner Analyse festhält, erfolgt die Budgetkonsolidierung in Österreich zu einem erheblichen Teil über einnahmenseitige Maßnahmen. Das Ziel: ein drohender EU-Defizitverfahren zu vermeiden. Das gesamtstaatliche Defizit lag 2025 bei 4,2 Prozent des BIP — weit über den Maastricht-Kriterien. Wie das Finanzministerium mitteilt, erwartet man auch für 2026 ein Defizit in derselben Größenordnung.
Die Agenda Austria, ein wirtschaftsliberales Denkzentrum, warnt laut finanz.at vor den Konsequenzen: Österreich zähle bereits heute zu den Ländern mit der höchsten Abgabenquote auf Arbeitsleistung in Europa. Die aktuellen Maßnahmen dämpften Leistungsanreize und schwächten die Binnennachfrage.
Credits: APA
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