Von der Leyen zu Europas Ersparnissen: „Sie sind leider träge“

Von der Leyen zu Europas Ersparnissen: „Sie sind leider träge“

Zehn Billionen Euro liegen laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf den Bankkonten europäischer Haushalte – für sie ein ungenutztes Potenzial, das der Wirtschaft zugutekommen soll. Ihre Wortwahl bei einem Auftritt in Paris sorgt seither für hitzige Debatten in sozialen Medien.

Die Aussage im Wortlaut

Bei der „Rencontre des Entrepreneurs de France“, der Herbstkonferenz des französischen Unternehmerverbands Medef, sagte von der Leyen am 27. August in Paris auf dem Gelände von Roland-Garros wörtlich: „Europa hat Ersparnisse. Leider sind diese Ersparnisse träge.“ Ein „bedeutender Teil“ des europäischen Ersparten sei zudem außerhalb des Kontinents investiert, so von der Leyen laut der französischen Zeitung „Le Figaro“. Ihre Schlussfolgerung: „Europa muss diese Ersparnisse jetzt in den Dienst seiner Unternehmen stellen.“

Das eigentliche Projekt: Die „Spar- und Investitionsunion“

Konkret bezieht sich von der Leyens Aussage auf das Brüsseler Projekt einer „Union der Ersparnisse und Investitionen“ (Savings and Investments Union). Ziel ist es, privates Kapital stärker in die Finanzierung europäischer Unternehmen zu lenken, die nach Einschätzung der Kommission beim Wachstum oft an fehlendem Kapitalzugang scheitern. Die Kommission hat dazu bereits Vorschläge zu Bank- und Versicherungsinvestitionen sowie zur Integration und gemeinsamen Aufsicht der europäischen Kapitalmärkte vorgelegt. Laut von der Leyen könnten diese Maßnahmen bis zu 470 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen freisetzen. Eine Einigung auf EU-Ebene soll noch heuer stehen.

Keine direkte Enteignung geplant

Wichtig zur Einordnung: Ein direkter Zugriff auf einzelne Sparkonten oder eine Enteignung ist mit dem Vorhaben nicht geplant. Die EU-Kommission spricht stattdessen von freiwilligen Anreizen über Regulierung, Steuerpolitik und eine stärkere Integration der Kapitalmärkte.

Heftige Reaktionen in sozialen Medien

Trotz dieser eingeschränkten Reichweite des Vorhabens sorgte von der Leyens Wortwahl vor allem auf der Plattform X für erhebliche Aufregung – im deutschsprachigen Raum bislang allerdings mit vergleichsweise geringer Beachtung. Der vielfach geteilte Account „Megatron“ interpretierte die Aussage so, dass von der Leyen Sparkonten grundsätzlich als Problem ansehe und das Geld „verbriefen“ und „überwachen“ wolle – ein „klarer Beweis, dass die EU auf den Bankrott zusteuert“. Andere Kommentatoren gingen noch weiter und behaupteten, Brüssel arbeite „über Regulierung, Steueranreize und politische Lenkung“ gezielt auf das Ersparte der Bürger hin.

Ein Vorwurf mit zumindest teilweise belegtem Kern

Ein Nutzer verband die Kritik an von der Leyen zusätzlich mit dem Vorwurf, sie profitiere selbst von „geheimen Pfizer-Corona-Deals“. Dieser Vorwurf bezieht sich auf die tatsächlich bislang ungeklärten SMS-Nachrichten zwischen von der Leyen und Pfizer-Chef Albert Bourla während der Impfstoffbeschaffung während der Corona-Pandemie – ein Umstand, der als solcher dokumentiert ist. Ein direkter inhaltlicher Zusammenhang zwischen dieser älteren Affäre und der aktuellen Debatte um die Spar- und Investitionsunion bleibt allerdings reine Spekulation der jeweiligen Kommentatoren.

Kritik an der Grundannahme, nicht an konkreten Maßnahmen

Der Kern der Kritik richtet sich weniger gegen einzelne, bereits vorgelegte Maßnahmen als gegen die zugrunde liegende Prämisse: Privates Vermögen wird von der Kommissionschefin als „ungenutzte“ Ressource beschrieben, die einem politischen Zweck zugeführt werden soll – statt als Eigentum der Bürger, über das diese selbst frei entscheiden. Ein verbreiteter Einwand lautet, wer privates Kapital mobilisieren wolle, müsse attraktive Investitionsbedingungen schaffen, statt Sparern zu vermitteln, ihr Geld liege „am falschen Ort“.

Zusätzliche Warnung an China

Bei ihrem Auftritt nutzte von der Leyen die Gelegenheit auch für eine Warnung an Peking: Chinesische Unternehmen erhielten Subventionen, die bis zu achtmal höher seien als in OECD-Staaten. Mehr als 30 neue Handelsschutz-Untersuchungen habe die Kommission im vergangenen Jahr eingeleitet – fast dreimal so viele wie im historischen Durchschnitt.

Ein Vorhaben mit offenem Ausgang

Ob die geplante Spar- und Investitionsunion tatsächlich, wie von der Kommission dargestellt, auf reiner Freiwilligkeit beruht oder sich langfristig zu einer strengeren Lenkung privaten Vermögens entwickelt, dürfte die politische Debatte in den kommenden Monaten weiter bestimmen – insbesondere dann, wenn die für heuer angepeilte Einigung auf EU-Ebene tatsächlich zustande kommt.

Credits: European Union , 2026

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