Ein Tiroler AK-Präsident will Süßgetränke besteuern, Werbung verbieten und Lebensmittel zwangskennzeichnen. Die Absicht ist nachvollziehbar — die Instrumente sind es weniger.
Was Zangerl fordert
Tirols Arbeiterkammerpräsident Erwin Zangerl hat ein Maßnahmenpaket gegen Übergewicht und Diabetes präsentiert. Wie orf.at berichtet, sollen rund 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung übergewichtig sein, etwa neun Prozent an Diabetes erkrankt — und immer mehr junge Menschen seien betroffen. Zangerls Antwort darauf: drei Forderungen an die Bundesregierung.
Erstens soll der bisher freiwillige Nutri-Score — eine Ampelkennzeichnung von A bis E für Zucker-, Salz-, Fett-, Ballaststoff- und Eiweißgehalt — gesetzlich verpflichtend werden. Zweitens fordert er laut oe24.at eine Zuckersteuer, die ungesunde Lebensmittel verteuern und das Kaufverhalten lenken soll. Drittens ein gesetzliches Werbeverbot für stark zuckerhaltige Getränke — mit Verweis auf die WHO-Empfehlung von maximal 25 Gramm Zucker täglich, die einzelne Getränke schon mit einer einzigen Flasche überschreiten.
Kritik von der FPÖ
FPÖ-Gesundheitssprecher Patrick Haslwanter bezeichnet die Zuckersteuer laut orf.at als „sozialpolitische Katastrophe“ — und nennt damit das eigentliche Kernproblem dieser Maßnahme. Denn eine Zuckersteuer ist strukturell regressiv: Sie belastet einkommensschwache Haushalte prozentual stärker, weil diese einen größeren Anteil ihres Budgets für Lebensmittel ausgeben und weniger leicht auf teurere Alternativen umsteigen können. Das belegen laut Consumer Choice Center Studien aus den USA.
Haslwanters Forderung, Zangerl solle sich lieber Gedanken über Steuersenkungen machen, ist parteipolitisch motiviert — aber die Warnung vor einer neuen Belastung genau jener Menschen, die ohnehin schon durch das Sparpaket unter Druck stehen, hat Substanz.
Was die Wissenschaft sagt — und was nicht
Die eigentliche Frage ist: Funktioniert die Zuckersteuer überhaupt? Die Antwort ist ernüchternd differenziert. Wie die Wiener Zeitung unter Berufung auf Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, berichtet, sei die Verhaltensänderung der Konsumenten „relativ gering“ und werde „zum Teil auch durch andere kalorienreiche Produkte kompensiert.“ Der Effekt mache sich „kaum in einer Reduktion der Häufigkeit von Übergewicht bemerkbar.“
Wie agrarheute.com auf Basis internationaler Studien festhält, sank in Mexiko nach Einführung der Zuckersteuer 2014 zwar der Konsum zuckerhaltiger Getränke leicht — nicht aber der Kalorienkonsum insgesamt. In Großbritannien halbierte sich laut fhm-online.de der Zuckerkonsum bei Minderjährigen nach Einführung der Steuer — vor allem weil Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte senkten, um die Steuer zu vermeiden. Das ist ein echter Effekt — aber kein Beweis dafür, dass Übergewicht signifikant zurückging.
Eine Literaturübersicht der Gesundheit Österreich GmbH aus dem Jahr 2024 zeichnet laut Wiener Zeitung ebenfalls ein differenziertes Bild: Eine Zuckersteuer könne den Konsum reduzieren — aber nicht alleine die Adipositaskrise lösen.
Werbeverbot und Kennzeichnungspflicht
Deutlich weniger umstritten als die Steuer sind Zangerls andere Forderungen. Die verpflichtende Nutri-Score-Kennzeichnung kostet niemanden etwas und gibt Konsumenten mehr Information. Das Werbeverbot für zuckerhaltige Getränke — ähnlich dem für Tabak — greift dort ein, wo echte Marktversagen vorliegen: bei der gezielten Bewerbung ungesunder Produkte gegenüber Kindern.
Das Problem ist also weniger, ob man etwas gegen Übergewicht tun soll — das sollte man — sondern welches Instrument man wählt. Eine neue Steuer in einem Land, das gerade ein Sparpaket schnürt und dessen Bürger ohnehin stärker belastet werden, ist das unklügste der verfügbaren Werkzeuge.
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