Trendwende an Österreichs Unis: Erstmals mehr ausländische als heimische Studienanfänger

Trendwende an Österreichs Unis: Erstmals mehr ausländische als heimische Studienanfänger

31.000 zu 20.000 – mit dieser Zahl sorgt die Denkfabrik Agenda Austria für Diskussionsstoff. Österreichische Studienanfänger sind an den heimischen öffentlichen Universitäten inzwischen in der Minderheit. Die Debatte über mögliche Studiengebühren, die ohnehin schon wegen des Uni-Budgets läuft, bekommt damit neue Nahrung.

Die Zahlen im Detail

Im Studienjahr 2024/25 wurden an Österreichs öffentlichen Universitäten laut einer Auswertung von Agenda Austria auf Basis von Statistik-Austria-Daten rund 31.000 ausländische, aber nur gut 20.000 österreichische Studierende erstmals zugelassen. Damit stellen heimische Studienanfänger bei den Erstzulassungen mittlerweile die Minderheit. Die eigentliche Trendwende setzte laut Agenda Austria bereits im Studienjahr 2021/22 ein, seither wächst der Abstand zwischen beiden Gruppen Jahr für Jahr. Bestätigt wird diese Entwicklung auch durch den offiziellen Unibericht des Wissenschaftsministeriums: Demnach stieg der Anteil ausländischer Erstzugelassener bereits seit dem Studienjahr 2019/20 kontinuierlich von 49,9 auf 55,2 Prozent, während die Zahl inländischer Erstzugelassener im selben Zeitraum rückläufig war.

Die entscheidende Frage: Wer bleibt, wer geht?

Für Agenda Austria ist der Anstieg selbst kein Problem, sondern zunächst ein Zeichen für die Attraktivität des Studienstandorts Österreich. Entscheidend sei aber eine andere Frage: Wie viele der internationalen Studierenden bleiben nach ihrem Abschluss überhaupt im Land und stehen dem heimischen Arbeitsmarkt zur Verfügung? Genau darauf gibt es bislang keine eindeutige Antwort – Untersuchungen von Wirtschaftskammer und Central European University aus dem Jahr 2025 liefern aber einen Anhaltspunkt: Bei einer Befragung von Master-Absolventen des Jahrgangs 2022/23 hatten 53 Prozent Österreich bereits wieder verlassen. Immerhin drei Viertel davon hätten laut Wirtschaftskammer zunächst versucht, hierzulande einen Job zu finden – gescheitert sei dies vor allem an Bürokratie, Schwierigkeiten beim Berufseinstieg und Sprachbarrieren.

Ein plakativer Vergleich

Agenda-Austria-Ökonomin Carmen Treml bringt das finanzielle Dilemma dahinter mit einem zugespitzten Beispiel auf den Punkt: Eine alleinerziehende Supermarkt-Verkäuferin finanziere mit ihrer Steuerleistung das rund 300.000 Euro teure Zahnmedizinstudium des Sprösslings einer deutschen Arztfamilie mit – damit dieser später die elterliche Praxis in München übernehmen könne. Das sei „weder sozial noch fair“, so Treml. Zur Einordnung der Kosten: Ein Medizin-Studienplatz kostet den Steuerzahler laut Agenda Austria rund 60.000 Euro pro Jahr, in den Geistes- und Sozialwissenschaften sind es 5.000 bis 10.000 Euro. Als möglichen Ausweg bringt Treml eine moderate Studiengebühr nach dem Vorbild der Fachhochschulen ins Spiel – 363,36 Euro pro Semester, für In- wie Ausländer gleichermaßen.

Auch der Forschungsrat schlägt Alarm

Auch der Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) fordert inzwischen eine klare Strategie für den Umgang mit Studierenden aus Drittstaaten. FORWIT-Vorsitzender Thomas Henzinger brachte die Problematik gegenüber der APA auf eine pointierte Formel: „Wollen wir sie uns etwas kosten lassen oder wollen wir sie zahlen lassen?“ Da Studierende aus Drittstaaten anders als EU-Bürger nach dem Abschluss oft gar nicht in Österreich bleiben dürften, bilde man sie faktisch „gratis aus und schickt sie dann wieder weg“. Henzinger kritisiert dabei auch die Motivation der Universitäten selbst: Diese würden ausländische Studierende teils gezielt heranziehen, um ihre Vorgaben in den Leistungsvereinbarungen – etwa bei der Zahl prüfungsaktiver Studierender – zu erfüllen, was aus seiner Sicht die „vollkommen falsche Motivation“ sei.

Der politische Kontext: Ein Uni-Budget unter Druck

Brisant wird die Debatte durch ihren Zeitpunkt. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) hatte mit Blick auf das Doppelbudget 2027/28 Einsparungen von insgesamt 213 Millionen Euro in ihrem Ressort angekündigt. Die Universitätenkonferenz warnte daraufhin vor einer Kürzung von bis zu einer Milliarde Euro über den Zeitraum 2028 bis 2030, in mehreren Städten kam es in der Folge zu Uni-Protesten. Eine endgültige Entscheidung über das Uni-Budget wurde vertagt und soll erst nach einer Regierungsklausur im Herbst fallen.

Tirol als Vorreiter in der politischen Debatte

In diese Lücke ist die Landespolitik bereits vorgeprescht: Tirols ÖVP-Bildungslandesrätin Cornelia Hagele erklärte im Juni gegenüber der Tiroler Tageszeitung, Universitäten sollten künftig – ähnlich wie Fachhochschulen – die Möglichkeit erhalten, „moderate und sozial abgefederte Studienbeiträge“ einzuheben. Verpflichtet werden solle dabei keine Hochschule, im Rahmen ihrer Autonomie sollten die Universitäten selbst entscheiden. Begleitend brauche es aber ein starkes System aus Stipendien, Gebührenbefreiungen und Rückerstattungen.

Die Reaktionen der Parteien

Die politischen Reaktionen fielen entlang bekannter Linien aus. Die FPÖ zeigt sich grundsätzlich offen: „Wenn Studiengebühren, dann sozial absolut gerecht gestaffelt“, so Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger, der zudem fordert, dass sich Studienerfolge als Bonus bemerkbar machen und die Einnahmen den Universitäten selbst zugutekommen sollen. Die NEOS werten den Vorstoß als „Schritt in die richtige Richtung“ und verweisen auf ihr eigenes Modell nachgelagerter Studiengebühren, bei dem der Staat zunächst vorfinanziert und Absolventen erst ab einer bestimmten Einkommensgrenze zurückzahlen. SPÖ und Grüne bleiben hingegen strikt dagegen. Der Tiroler SPÖ-Bildungssprecher Benedikt Lentsch stellt klar: „Studiengebühren wird es mit der SPÖ nicht geben.“ Bildung dürfe nicht an den finanziellen Möglichkeiten scheitern.

Scharfe Kritik von der Studierendenvertretung

Am schärfsten reagiert die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH). Wer ausländische Studierende jetzt zur Kasse bitten wolle, betreibe „billigen Populismus“, so ÖH-Vorsitzmitglied Viktoria Kudrna. Ausländische Studierende seien „keine Belastung für das Budget, sondern eine Bereicherung“. Die ÖH fordert im Gegenteil sogar die Abschaffung der bereits bestehenden doppelten Gebühr für Drittstaatsangehörige von über 700 Euro pro Semester, die sie als diskriminierend bezeichnet. Auch Ministerin Holzleitner selbst lehne höhere Gebühren für Studierende aus Drittstaaten ab, so die ÖH.

Der internationale Vergleich

Während in Österreich noch diskutiert wird, haben andere Länder längst Fakten geschaffen. Frankreich hebt für Nicht-EU-Studierende ab dem Studienjahr 2026/27 Gebühren von rund 2.895 Euro im Bachelor beziehungsweise 3.941 Euro im Master pro Jahr ein – eine Versechzehnfachung gegenüber den bisherigen Sätzen, die den französischen Universitäten rund 250 Millionen Euro jährlich zusätzlich bringen soll. In Bayern führt die Universität Erlangen-Nürnberg ab dem Sommersemester 2027 Gebühren für neue Nicht-EU-Studierende ein, an der Universität Bern zahlen ausländische Studierende ab Herbst 2026 bereits das Dreifache des regulären Satzes.

Credits: Bild KI-generiert

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