Die SPÖ kommt nicht zur Ruhe. Einen Tag nachdem Ex-Kanzler Christian Kern seine Kandidatur gegen Andreas Babler abgesagt hat, schießt Tirols SPÖ-Chef Philip Wohlgemuth scharf gegen die eigenen Reihen. Sein Vorwurf: öffentliche Führungsdebatten schwächen die gesamte Partei.
Wohlgemuth fordert Ende der „Selbstbeschäftigung“
Es müsse Schluss sein mit der „Selbstbeschäftigung“ und vor allem den „öffentlich ausgetragenen Führungsdiskussionen“, erklärte der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter gegenüber der APA. „Diese Unart muss endlich enden.“
Wohlgemuth stellte sich dabei klar hinter den amtierenden Parteichef: Er sei „immer loyal gegenüber dem gewählten Parteivorsitzenden“ Andreas Babler. Wie Exxpress berichtet, kritisiert er damit indirekt jene SPÖ-Landesorganisationen, die zuletzt massiv für eine Gegenkandidatur geworben hatten.
Ein Muster seit 2016
Seit dem erzwungenen Rücktritt von Werner Faymann als Bundeskanzler und Parteivorsitzenden im Jahr 2016 erlebe man diese abzulehnenden Führungsdebatten, so Wohlgemuth: „Wer Führungsfragen über Medien spielt, schwächt nicht nur Einzelpersonen, sondern die gesamte Partei. Öffentlich ausgetragene Debatten über Personen helfen niemandem.“
Interne Diskussionen seien selbstverständlich Teil einer lebendigen Partei, müssten aber „in den zuständigen Gremien“ geführt werden – und nicht über die Medien.
„Die Menschen draußen“ interessiert kein „Schauspiel“
Mit Blick auf den Bundesparteitag am 7. März mahnte Wohlgemuth laut VOL.AT Geschlossenheit, Stabilität, Parteidisziplin, Klarheit und Konzentration auf politische Inhalte ein. „Die SPÖ kann nur dann stark sein, wenn sie geeint auftritt. Alles andere nützt am Ende nur dem politischen Mitbewerb.“
„Die Menschen draußen“ interessiere kein „parteiinternes Schauspiel“, betonte der 38-Jährige. „Sie erwarten sich Lösungen gegen die Teuerung, leistbares Wohnen, sichere Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit.“
Kern zieht nach Indiskretionen die Reißleine
Einen Tag zuvor hatte Ex-Kanzler Christian Kern in einem Facebook-Posting endgültig abgesagt. Wie Salzburg24 berichtet, gab er als Begründung unter anderem an, dass vertrauliche Gesprächsinhalte an Medien weitergegeben wurden.
„Ich habe diese Indiskretionen als Bestätigung meiner Befürchtungen empfunden und als Ausdruck, dass es am nötigen Konsens fehlt“, schrieb Kern. Die Weitergabe von Gesprächsinhalten hätten ihn „an den Wahlkampf 2017 und an die Zeit danach erinnert“.
„Ich habe kein Interesse an einer fortgesetzten Führungsdiskussion in der SPÖ und werde auch am Parteitag nicht kandidieren“, schloss er seinen Beitrag.
Wien verweigerte die Unterstützung
Ausschlaggebend für Kerns Rückzug dürfte die fehlende Rückendeckung aus Wien gewesen sein. Wie der ORF berichtet, hatte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig Kern bei einem Treffen am Dienstag „in keinster Weise zu einer Kandidatur ermutigt“.
Auch aus der sozialdemokratischen Gewerkschaft kam keine Unterstützung. Der Bundesgeschäftsführer der FSG Willi Mernyi forderte ein Ende der Personaldebatten.
Babler bleibt einziger Kandidat
Damit ist Andreas Babler voraussichtlich der einzige Vorsitzkandidat beim Parteitag am 7. März. Er war bereits im vergangenen Jahr vom Vorstand nominiert worden. In der darauf folgenden Frist fand sich kein Gegenkandidat für eine Mitgliederwahl, weshalb nun der Parteitag zu entscheiden hat.
Wie die Tiroler Tageszeitung berichtet, könnte der Parteivorstand am Freitag theoretisch noch einen Gegenkandidaten nominieren – auch wenn das vom Statut her schwierig wäre. Aus dem Lager der Kern-Unterstützer ist laut APA nicht damit zu rechnen, dass ein Ersatzkandidat aufgestellt wird.
Wohlgemuth: Keine Babler-Marionette, aber loyal
Der Tiroler SPÖ-Chef Wohlgemuth gilt laut Profil nicht als „besonders Babler-getreu“. Er wurde erst im Juni 2025 mit 95,93 Prozent zum Landesparteivorsitzenden gewählt, nachdem sein Vorgänger Georg Dornauer über einen Jagdausflug mit René Benko gestolpert war.
Wohlgemuth betonte damals beim Parteitag, man sei „nicht Juniorpartner oder Beiwagerl“ in der Koalition mit der Landes-ÖVP, sondern der „starke rote Motor“. Seine Kritik an den parteiinternen Querelen zeigt nun: Loyalität gegenüber dem gewählten Vorsitzenden heißt nicht automatisch ideologische Übereinstimmung – aber eben Respekt vor demokratischen Spielregeln.
Die alte Frage: Geschlossenheit oder Dauerkrise?
Seit 2016 hat die SPÖ bereits vier Parteichefs verschlissen: Werner Faymann, Christian Kern, Pamela Rendi-Wagner und nun Andreas Babler. Die öffentlich ausgetragenen Führungsdebatten haben der Partei laut Umfragen massiv geschadet.
Wohlgemuths deutliche Worte zeigen: Auch in der SPÖ wächst die Ungeduld mit jenen, die Personaldiskussionen über Inhalte stellen. Ob die Partei nach Kerns Absage tatsächlich zur Ruhe kommt, wird sich am 7. März zeigen – und danach in der täglichen Regierungsarbeit.
Credits: Von ÖGB Tirol – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86127870
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