Jeder 14. Wiener bezieht Mindestsicherung, in Oberösterreich ist es nur jeder 268. Einwohner. Neue Zahlen zeigen, wie ungleich die Sozialhilfe zwischen den Bundesländern verteilt ist – und wie viel Geld dabei allein in der Bundeshauptstadt fließt.
Wien bleibt der Spitzenreiter
Wie Heute.at unter Berufung auf aktuelle Zahlen berichtet, beziehen in Wien rund 7,4 Prozent der Bevölkerung Mindestsicherung – damit erhält statistisch gesehen jeder 14. Einwohner der Bundeshauptstadt diese Leistung. Zum Vergleich: In Oberösterreich trifft das nur auf jeden 268. Bewohner zu. „In Wien ist es jeder 14. Einwohner, während es in Oberösterreich nur jeder 268. ist, ein gravierender Unterschied“, sagt Ökonom Dénes Kucsera von der Denkfabrik Agenda Austria dazu. Nach Wien verzeichnen die Steiermark, Vorarlberg und Tirol die meisten Bezieher, österreichweit erhält im Schnitt jeder 45. Bürger Mindestsicherung.
Diese starke Konzentration auf die Bundeshauptstadt bestätigt sich auch in den offiziellen Zahlen von Statistik Austria: Demnach entfielen bereits im Jahr 2023 mehr als 70 Prozent aller Sozialhilfe- und Mindestsicherungsbezieher in Österreich auf Wien, während die Anteile der anderen Bundesländer zwischen 1 Prozent (Burgenland) und 7 Prozent (Steiermark) lagen.
Fast eine Milliarde Euro allein in Wien
Mit der hohen Zahl an Beziehern steigen auch die Kosten deutlich. Von den österreichweit rund 1,3 Milliarden Euro an Sozialhilfeausgaben im Jahr 2024 entfielen laut den Heute.at vorliegenden Zahlen 983 Millionen Euro auf Wien. Auch pro Kopf gerechnet liegt die Bundeshauptstadt klar voran: Während in Wien 487 Euro pro Einwohner und Jahr für die Mindestsicherung aufgewendet werden, liegen die Kosten in allen übrigen Bundesländern bei unter 100 Euro pro Einwohner.
Die Gesamtausgaben für Sozialhilfe machen laut Sozialministerium bundesweit lediglich rund 0,27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Im bundesweiten Jahresdurchschnitt 2024 erhielten laut Statistik Austria 205.781 Personen Sozialhilfe oder Mindestsicherung, um rund 8.800 mehr als im Jahr davor – ein Anstieg um 4,5 Prozent, den Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) vor allem mit dem schwierigen Arbeitsmarkt und der hohen Inflation begründete.
Warum gerade Wien so viele Bezieher hat
Kucsera sieht die Ursachen für die Wiener Sonderstellung nicht allein in der Bevölkerungsstruktur begründet. „Wir sehen aber auch in allen anderen Ländern, dass in Metropolen besonders viele Mindestsicherungs-Bezieher leben“, räumt der Ökonom zwar ein allgemeines Großstadt-Phänomen ein. Gleichzeitig verweist er aber auch auf die konkrete Ausgestaltung des Systems: „Es hat auch Gründe der Gestaltung der Mindestsicherung, warum viele Wien als Zielort wählen.“ Der Bund gibt bei der Sozialhilfe nur einen groben gesetzlichen Rahmen vor – für Alleinlebende und Alleinerziehende liegt der maximale Betrag bei rund 1.209 Euro pro Monat, für Paare bei rund 1.693 Euro. Die genaue Ausgestaltung bleibt aber Sache der Länder, was zu teils deutlichen regionalen Unterschieden führt.
Nach Angaben des Sozialministeriums liegt die durchschnittliche Mindestsicherung bundesweit bei 820 Euro pro Bedarfsgemeinschaft und Monat, hinzu kommen je nach individueller Situation weitere Familienleistungen oder Wohnzuschüsse.
Der Ruf nach bundesweit einheitlichen Regeln
Vor diesem Hintergrund erneuert Kucsera eine altbekannte Forderung: eine einheitliche Regelung für ganz Österreich, „mit strengen Regeln und mit einem Anreiz, nicht lange im System zu bleiben“. Tatsächlich gab es bereits mehrere Anläufe für eine bundesweite Vereinheitlichung der Sozialhilfe – sie scheiterten aber bislang. Wien selbst zeigte sich in der Vergangenheit zwar grundsätzlich offen für eine Vereinheitlichung, pochte dabei aber darauf, die eigenen, vergleichsweise großzügigen Regelungen als Maßstab heranzuziehen, und lehnte etwa eine Staffelung der Leistungen nach Kinderzahl ab.
Eine ungelöste Debatte
Während mehrere Bundesländer zuletzt gezielt bei der Sozialhilfe sparten, bleibt die grundsätzliche Frage eines österreichweit einheitlichen Systems weiterhin offen. Zwischen dem Anspruch auf ein soziales Sicherheitsnetz für alle und dem Wunsch nach klaren Anreizen zur raschen Rückkehr in die Erwerbstätigkeit sucht die Politik bislang vergeblich nach einem bundesweiten Kompromiss.
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