Nach fast dreieinhalb Jahren Verteidigung kündigt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Strategieänderung an. Die Zeit des reinen Abwehrkampfes ist vorbei – jetzt geht die Ukraine in die Offensive.
„Putin versteht nur Macht und Druck“
In seiner abendlichen Videoansprache machte Selenskyj deutlich: „Dieser Krieg muss beendet werden, wir müssen Druck auf Russland ausüben.“ Seine Botschaft war kristallklar – Kremlchef Wladimir Putin verstehe „nichts außer Macht und Druck“.
Die Ukraine müsse sich aus dem Dauerzustand der ständigen Verteidigung lösen und selbst aktiv zum Angriff übergehen, so der Präsident. Diese Worte markieren einen möglichen Wendepunkt in einem Konflikt, der Europa seit Februar 2022 in Atem hält.
Trump gibt grünes Licht – und spricht Klartext
Rückendeckung erhält Selenskyj ausgerechnet von US-Präsident Donald Trump. Der habe „völlig recht“, dass der Schutz von Land und Volk nicht nur durch Verteidigung geschehen müsse, betonte der ukrainische Präsident.
Trump hatte am Donnerstag auf seiner Plattform Truth Social mit einer Sport-Metapher die Lage auf den Punkt gebracht: „Es ist wie bei einer großen Sport-Mannschaft, die eine fantastische Abwehr hat, aber nicht offensiv spielen darf. Da gibt es keine Chance zu gewinnen.“ Seine deutliche Kritik: Sein Amtsvorgänger Joe Biden habe der Ukraine nicht erlaubt zurückzuschlagen.
Erste Erfolge im Südosten gemeldet
Die Worte scheinen bereits Taten zu folgen. Wie Armeechef Olexander Syrskyj auf Telegram mitteilte, hätten die ukrainischen Streitkräfte in den vergangenen Tagen bereits Gegenangriffe in der Region Sumy im Nordosten und bei Pokrowsk im Südosten unternommen. Bei Pokrowsk gebe es erste Erfolge – sechs Orte seien zurückerobert worden.
Allerdings konnten diese Berichte nicht unabhängig überprüft werden. Die Erinnerung an die gescheiterte Großoffensive im Sommer 2023 ist noch frisch – damals zerschellten die ukrainischen Truppen an den tief gestaffelten russischen Verteidigungslinien mit ihren Minenfeldern und der massiven Artillerie.
Diplomatie und Militär: Doppelstrategie für den Frieden
Selenskyj betont jedoch, dass die Ukraine parallel zu den militärischen Operationen auch diplomatische Wege verfolge. Die Militärführung stehe im Kontakt mit ausländischen Partnern, um die militärische Komponente der Sicherheitsgarantien für die Ukraine auszuarbeiten.
Im Gespräch ist, dass europäische Partner die Ukraine nach einem möglichen Friedensschluss mit Truppenpräsenz absichern. Doch Russland hat andere Pläne: Wie Außenminister Sergej Lawrow erklärte, sollten vielmehr die Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrats – einschließlich Russland selbst – den Frieden garantieren. Für Kiew ist das ein No-Go, da Moskau jeden Einsatz blockieren könnte.
„Unanständige Signale“ aus Moskau
Selenskyjs Frustration über die russische Haltung ist deutlich spürbar. „Ehrlich gesagt sind die Signale aus Russland derzeit einfach unanständig“, sagte er. Moskau versuche sich „aus der Notwendigkeit eines Treffens herauszuwinden“ und wolle den Krieg nicht beenden.
Die Kritik wird auch in Brüssel geteilt. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warf Putin im ZDF-„heute journal“ vor, kein Interesse an Verhandlungen zu haben: „Er hat kein Interesse daran, sich an einen Tisch zu setzen. Hier geht es nur um Zeit.“ Während Amerikaner, Ukrainer und Europäer Frieden wollten, spiele die russische Seite „nur Spiele“ und formuliere „Hindernisse“.
Das große Warten auf das Putin-Selenskyj-Treffen
Nach dem Alaska-Gipfel zwischen Trump und Putin sowie den Beratungen mit europäischen Spitzenpolitikern soll als nächster Schritt ein direktes Treffen zwischen Putin und Selenskyj stattfinden – so Trumps Vision. Doch Moskau äußert sich weiter ausweichend.
Für Kallas sind glaubwürdige Sicherheitsgarantien der Schlüssel: „Diese müssen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern sie müssen glaubwürdig und robust sein und tatsächlich funktionieren.“
Die Frage bleibt: Führt Selenskyjs neue Offensive zu dem erhofften Durchbruch, oder droht eine weitere Eskalation in einem Krieg, der bereits zu viele Opfer gefordert hat? Die nächsten Wochen werden zeigen, ob aus den kämpferischen Worten konkrete Wendepunkte werden.
Credits: APA
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