Ein Cyberangriff, der bereits Ende 2019 begann, sorgt jetzt für eine diplomatische Reaktion. Österreich hat den russischen Botschafter einbestellt, nachdem eine gemeinsame Erklärung aller 27 EU-Staaten erstmals offiziell bestätigt, wer hinter der damaligen Attacke auf das Außenministerium steckte.
Der Angriff und seine Folgen
Um den Jahreswechsel 2019/2020 gerieten die IT-Systeme des österreichischen Außenministeriums ins Visier von Hackern. Wie das Außenministerium gegenüber der APA einen Bericht der „Presse“ bestätigte, wurden dabei interne Informationen mit Russland-Bezug aus dem Ministerium abgegriffen. Die Cyberattacke beschäftigte die Behörden über mehrere Wochen, ehe sie schließlich für beendet erklärt werden konnte – zu ihrer Zeit zählte sie zu den schwerwiegendsten Angriffen auf die österreichische Bundesverwaltung.
Die Drahtzieher: Gruppe „Turla“ und der russische Geheimdienst
Verantwortlich für die Attacke war demnach die russische Hackergruppe „Turla“, eine der bekanntesten Cybereinheiten des russischen Inlandsnachrichtendienstes FSB. Wie das Außenministerium erklärte, wird die Gruppe direkt vom sogenannten 16. Zentrum des FSB gesteuert – jener Einheit, die laut der gemeinsamen EU-Erklärung seit Jahren gezielt Regierungsnetzwerke und kritische Infrastruktur in EU-Staaten sowie Partnerländern wie der Ukraine angreift.
Kein Einzelfall: Auch andere EU-Staaten betroffen
Österreich steht mit diesem Vorfall nicht allein da. Laut der EU-Erklärung waren auch Deutschland, Finnland, Frankreich, die Niederlande, Polen, Rumänien, die Slowakei und Zypern Ziel ähnlicher Cyberangriffe des FSB-Zentrums. In Frankreich infiltrierten die Hacker den Angaben zufolge bereits seit 2010 strategische Regierungsstellen und 2025 zusätzlich die Verteidigungsindustrie. In Deutschland gerieten ebenfalls Regierungsstellen ins Visier, in Polen verübte die Gruppe laut EU-Angaben Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur wie Heizkraftwerke.
Diplomatischer Protest quer durch Europa
Als Reaktion bestellte das österreichische Außenministerium am Dienstag den russischen Botschafter in Wien ein. Österreich steht mit diesem Schritt nicht allein: Auch das französische Außenministerium kündigte an, den russischen Botschafter in Paris einzubestellen. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot verurteilte die „großangelegte Cyber-Kampagne“ Russlands scharf.
Klare Worte aus Wien
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) machte gegenüber dem russischen Botschafter unmissverständlich klar, dass Cyberangriffe auf Österreich „inakzeptabel“ seien. Sie verwies dabei auf die grundsätzliche Tragweite solcher Attacken: Wenn Zahlungssysteme, Bahnsysteme oder Krankenhäuser angegriffen würden, betreffe das jeden Einzelnen – Europa erlebe immer mehr solcher Vorfälle, mit Russland als einem der Hauptakteure. Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf zu erfahren, woher die Bedrohung stamme, so die Ministerin. Auch Staatssekretär für Staatsschutz Jörg Leichtfried (SPÖ) verurteilte die russischen Cyberangriffe „aufs Schärfste“ und bezeichnete sie als Angriff auf die österreichische Souveränität mit dem langfristigen Ziel, öffentliche Meinung zu manipulieren sowie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu destabilisieren. Bestehende Gesetzeslücken sollen nun zügig geschlossen werden, kündigte er an.
Erste gemeinsame EU-Zuordnung dieser Art
Bemerkenswert an der aktuellen Entwicklung ist vor allem ihre Form: Es handelt sich um die erste gemeinsame Erklärung aller 27 EU-Mitgliedstaaten, die die Cyberangriffe offiziell und kollektiv der russischen Gruppierung zuordnet. Als direkte Konsequenz verhängte die Europäische Union neue Sanktionen gegen insgesamt neun Personen und vier Einrichtungen, die unter direkter Anweisung oder Kontrolle Russlands gehandelt haben sollen. Betroffen sind unter anderem Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU sowie Cyberkriminelle, Hacktivisten und private Unternehmen.
Moskau schweigt bislang
Zu den aktuellen Vorwürfen hat sich Russland bislang nicht öffentlich geäußert. Die Sanktionsmaßnahmen sowie die einbestellten Botschafter dürften die diplomatischen Spannungen zwischen Russland und mehreren EU-Staaten in den kommenden Tagen weiter erhöhen.
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