Neue Aufnahmen zeigen, was Russland an seiner Nordwestgrenze baut. Finnlands Generalstabschef spricht von einer Vervierfachung der russischen Truppen — die NATO bereitet sich auf die Zeit nach dem Ukraine-Krieg vor.
Was die Satellitenbilder zeigen
Die dänische DR, die norwegische NRK, die schwedische SVT und das estnische Portal Delfi haben gemeinsam aktuelle Satellitenaufnahmen des US-Unternehmens Planet Labs ausgewertet. Das Ergebnis, wie oe24.at berichtet: In den vergangenen zwei Jahren wurden nahe der Grenzen zu Finnland, Norwegen und den baltischen Staaten neue Kasernen, Lagerhallen und Militäranlagen errichtet. Besonders betroffen sind laut oe24.at die Regionen Petrosawodsk, Kandalakscha und Petschenga sowie die russische Exklave Kaliningrad.
„80.000 statt 20.000″: Finnland alarmiert
Für Finnland, das erst 2023 der NATO beigetreten ist, sind die Entwicklungen besonders sensibel. Generalstabschef Pasi Välimäki erklärte gegenüber SVT: „Wir rechnen mit 80.000 Soldaten an unserer Grenze, verglichen mit zuvor 20.000.“ Der Infrastrukturausbau deute laut Välimäki darauf hin, dass Russland nach einem möglichen Ende der Kämpfe in der Ukraine rasch größere Truppenkontingente im Norden stationieren könnte.
NATO und Schweden: Aufrüstung für die Zeit danach
Ähnlich besorgt ist Schweden. Thomas Nilsson, Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes MUST, sagte laut oe24.at: „Es geht darum, der NATO in einem möglichen größeren Konflikt in der Zukunft begegnen zu können.“ Schwedische Nachrichtendienste sehen in Moskaus Aktivitäten eine Vorbereitung darauf, die Streitkräfte nach dem Ukraine-Krieg schnell neu auszurichten.
Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) hatte zuletzt ebenfalls auf eine umfassende Reform der russischen Streitkräfte hingewiesen. Bereits Ende 2022 kündigte Verteidigungsminister Beloussow den Ausbau der russischen Armee auf bis zu 1,5 Millionen Soldaten an — mit neuen Armeekorps und Divisionen gezielt im Nordwesten Russlands.
Norwegen: „Ein anderes Russland an unserer Grenze“
Generalstabschef Eirik Kristoffersen warnte gegenüber NRK laut oe24.at im Worst-Case-Szenario: „Wir gehen davon aus, dass nach dem Ende des Krieges in der Ukraine ein anderes Russland an unserer Grenze steht“ — mit kampferprobten Soldaten, einer auf Kriegsproduktion ausgerichteten Wirtschaft und deutlich höheren Kapazitäten. NATO-Generalsekretär Mark Rutte ergänzte zuletzt, Russland produziere mehr Munition und Rüstungsgüter als viele westliche Staaten zusammen.
Russland dementiert — Experten differenzieren
Moskau weist die Vorwürfe zurück. Der russische Botschafter in Dänemark, Wladimir Barbin, schrieb laut oe24.at, die Behauptung eines bevorstehenden NATO-Angriffs sei „eine Lüge“. Russland habe „weder die Absicht noch das Interesse“, die NATO anzugreifen.
EINORDNUNG
Die nordeuropäischen Militärchefs sprechen eine klare Sprache — aber die Experteneinschätzungen sind differenzierter. Die norwegische Sicherheitsexpertin Katarzyna Zysk hält einen direkten Krieg zwischen Russland und der NATO laut oe24.at derzeit für unwahrscheinlich. Militärstratege Tormod Heier verweist darauf, dass die Satellitenbilder eher auf eine langfristige Abschreckungsstrategie als auf konkrete Angriffspläne hindeuten.Das ist der entscheidende Unterschied: Aufrüstung und Abschreckung sind keine Angriffsvorbereitung — aber sie verändern das militärische Gleichgewicht in Nordeuropa dauerhaft. Dass Finnland und Schweden erst kürzlich der NATO beigetreten sind und Russland genau dort massiv aufrüstet, ist kein Zufall.
Credits: Von Mil.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73692180
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