Russland vor Etappensieg in Pokrowsk: Hohe Verluste und strategische Fragen

Russland vor Etappensieg in Pokrowsk: Hohe Verluste und strategische Fragen

Russland intensiviert seine Bemühungen, die ostukrainische Stadt Pokrowsk einzunehmen. Nach über eineinhalb Jahren schwerer Kämpfe steht die Stadt nun vor dem Fall. Doch der Preis für diesen möglichen Erfolg ist hoch: Die russischen Streitkräfte erlitten massive Verluste, während die strategische Bedeutung der Stadt umstritten bleibt.

Fortschritte und Verluste an der Front

Das russische Verteidigungsministerium meldete kürzlich, dass ukrainische Truppen in der Nähe des Bahnhofs und des Industriegebiets von Pokrowsk eingekesselt und besiegt worden seien. Die Ukraine hingegen betont, ihre Stellungen weiterhin zu halten, auch wenn die Lage schwierig sei. Laut dem US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) konnten beide Seiten in den letzten Tagen kleinere Erfolge verzeichnen. Die russischen Truppen setzen dabei auf kleine, mobile Einheiten, um die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen, insbesondere bei schlechtem Wetter, das den Einsatz ukrainischer Drohnen erschwert.

Militärexperte Christoph Göd erklärte im ORF-Mittagsjournal, dass Russland gezielt versucht, ukrainische Drohnenpiloten auszuschalten, um die Verteidigung zu schwächen. Dennoch bleibt die Einnahme der Stadt ein verlustreicher Prozess. Das ISW berichtet von extrem hohen Opferzahlen auf russischer Seite, wobei verletzte Soldaten teilweise nicht mehr geborgen werden.

Symbolischer Sieg ohne strategische Bedeutung?

Pokrowsk, einst ein logistischer Knotenpunkt im Donbas, hat laut dem schottischen Strategen Phillips O’Brien keine strategische Bedeutung mehr. Andere Experten argumentieren jedoch, dass die Einnahme der Stadt Russland Vorteile bei Angriffen auf die benachbarten Städte Kramatorsk und Slowjansk verschaffen könnte. Dennoch wird der mögliche Fall von Pokrowsk vor allem als Propagandaerfolg für den russischen Präsidenten Wladimir Putin gewertet.

Die russischen Verluste sind enorm: Laut veröffentlichten Dokumenten des ukrainischen Projekts „Ich will leben“ hat Russland allein in der Region Pokrowsk 34 Prozent seiner Gesamtverluste zwischen Januar und August 2025 erlitten. Insgesamt wird von über 100.000 getöteten und verletzten Soldaten ausgegangen. Diese Zahlen unterstreichen die hohen Kosten der russischen Offensive.

Mobilisierungsprobleme auf ukrainischer Seite

Während Russland weiterhin neue Soldaten mobilisieren kann, steht die Ukraine vor Herausforderungen. Der Atlantic Council kritisierte kürzlich, dass die ukrainische Regierung die Altersgrenze für den Militärdienst nicht gesenkt habe, was die Rekrutierung erschwere. Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt eine Senkung der Altersgrenze von 25 auf 18 Jahre ab, was laut Experten die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine langfristig beeinträchtigen könnte.

Rückzug als strategische Option?

Angesichts der drohenden Einkesselung von Pokrowsk empfehlen Experten wie O’Brien der Ukraine, ihre Truppen rechtzeitig zurückzuziehen, um unnötige Verluste zu vermeiden. Die Verteidigung der Stadt habe bereits dazu beigetragen, russische Ressourcen zu binden und Zeit zu gewinnen. Ein weiterer Einsatz von Truppen würde jedoch unverhältnismäßig hohe Verluste auf ukrainischer Seite bedeuten.

Die Kämpfe um Pokrowsk erinnern an frühere Schlachten wie in Bachmut und Tschassiw Jar, bei denen Russland ebenfalls hohe Verluste hinnehmen musste. Auch hier zog die Ukraine Truppen aus anderen Frontabschnitten ab, um die Verteidigung zu verstärken, was die russischen Angriffe verlangsamte.

Quellen: ORF, Institute for the Study of War, Atlantic Council, Meduza, Substack von Phillips O’Brien
Credits: APA

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