Merz empfängt al-Scharaa mit Staatsehren – während dessen Sicherheitskräfte in einer christlichen Stadt Syriens beim Plündern zusehen.
Berlin, 30. März: Handschlag mit dem Ex-Terroristen
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing ihn im Schloss Bellevue, Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt. Ahmed al-Scharaa – bis Ende 2024 von den USA mit einem Kopfgeld von zehn Millionen Dollar als Terroristen gesucht, ehemaliger Anführer der islamistischen HTS und früheres al-Qaida-Mitglied – absolvierte am 30. März seinen ersten Staatsbesuch in Deutschland. Hunderte in Berlin lebende Syrer feierten seine Ankunft mit Autokorsos und syrischen Flaggen. In einem Saal des Ritz-Carlton skandierten Anhänger laut exxpress „Allahu Akbar“.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz sprach Merz kein Wort über die Ereignisse, die sich nur 48 Stunden zuvor in Syrien zugetragen hatten.
Zwei Nächte davor: Pogrom in Suqailabiyya
In der Nacht vom 27. auf den 28. März überfielen bewaffnete Gruppen die mehrheitlich christliche Stadt Suqailabiyya in der Provinz Hama. Wie die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) unter Berufung auf das Portal Syriac Press berichtet, plünderten die Angreifer Cafés, Restaurants, Getränkemärkte und Bekleidungsgeschäfte, setzten Autos in Brand, zerstörten eine Marienstatue und sprachen Morddrohungen aus. Der Auslöser: Männer auf Motorrädern aus dem benachbarten sunnitischen Ort Qalaat al-Madiq sollen christliche Mädchen belästigt haben – die Situation eskalierte rasch.
Besonders brisant ist dabei die Rolle der staatlichen Sicherheitskräfte. Wie Euronews und CSI übereinstimmend berichten, schilderten Anwohner, dass die Sicherheitskräfte von al-Scharaas Regime entweder nicht eingriffen – oder aktiv mit den Tätern kooperierten. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA bezeichnete die Vorfälle laut EWTN als bloße „Massenschlägerei“ zwischen jungen Männern.
Kirchen sagen Palmsonntag ab
Die Reaktion der syrischen Kirchen war eindeutig. Wie Vatican News berichtet, sagten die katholischen Kirchen in Damaskus ihre Palmsonntagsprozessionen aus Sicherheitsgründen ab. Das griechisch-katholische Patriarchat in Antiochia beschloss, die gesamten Osterfeierlichkeiten auf Gottesdienste im Innern der Kirchengebäude zu beschränken. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien verurteilte die Angriffe scharf und forderte eine Untersuchung sowie Bestrafung der Verantwortlichen.
Die European Syriac Union stuft die Übergriffe laut exxpress als Teil eines „umfassenderen Musters von Vorfällen seit dem Machtantritt von Al-Scharaa“ ein – systematischer Druck auf die christliche Bevölkerung.
Eine alte Rechnung
Suqailabiyya ist kein zufälliges Ziel. Wie CSI und das Bistum Regensburg berichten, war die Stadt bereits im Syrienkrieg wiederholt Angriffsziel der HTS – jener Gruppe, die al-Scharaa selbst gegründet und angeführt hatte. Die Christen verteidigten sich damals erfolgreich. Dieser Widerstand scheint nicht vergessen. Dass der christliche Bürgermeister Suleyman Khalil, der das Dorf Sadad einst gegen Dschihadisten verteidigte, seit Februar 2025 ohne Anklage im Militärgefängnis von Homs sitzt, ordnet CSI als Racheakt ein.
Das Gesamtbild ist düster: Laut Open Doors ist Syrien auf dem Weltverfolgungsindex 2026 von Platz 18 auf Platz 6 gesprungen – der stärkste Anstieg weltweit. Lebten 2011 noch rund 1,5 bis 2 Millionen Christen in Syrien, sind es heute laut Euronews noch etwa 300.000 – ein Rückgang von zehn auf 1,2 Prozent der Bevölkerung.
Was Merz sagte – und was nicht
CSI hatte Merz vor dem Treffen in einem offenen Brief aufgefordert, al-Scharaa beim Berliner Treffen „persönlich verantwortlich“ zu machen für Menschenrechtsverletzungen gegen Minderheiten – und jede finanzielle Unterstützung Syriens an die Einhaltung der Religionsfreiheit zu knüpfen, wie EWTN berichtet. Auch das Hilfswerk Kirche in Not appellierte an den Kanzler, klare und verbindliche Zusagen einzufordern.
Merz stellte bei der Pressekonferenz 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau Syriens in Aussicht und ermutigte al-Scharaa, „im neuen Syrien einen Raum für alle zu schaffen“. Die Angriffe auf Christen in Suqailabiyya erwähnte er nicht.
Protest von links bis kurdisch
Der Staatsbesuch löste parteiübergreifende Kritik aus. Die Linke-Außenpolitiksprecherin Cansu Özdemir forderte laut Euronews die sofortige Ausladung al-Scharaas. Die Kurdische Gemeinde Deutschlands bezeichnete ihn als „einen der schlimmsten Verbrecher des 21. Jahrhunderts“. Hunderte Kurden demonstrierten vor dem Reichstag. Die Bundesregierung verteidigte den Empfang: Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte laut EWTN, es sei wichtig, mit der syrischen Führung im Dialog zu bleiben.
Quellen: exxpress.at, Christian Solidarity International (csi-int.org), EWTN Deutschland (ewtn.de), Euronews (de.euronews.com), Vatican News (vaticannews.va/de), Bistum Regensburg (bistum-regensburg.de), Fraktion Die Linke im Bundestag (dielinkebt.de), Syriac Press (syriacpress.com, zit. n. exxpress.at)
Credits: Von U.S. Department of State – https://www.flickr.com/photos/statephotos/54805624658/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175448645
Neueste Kommentare