Reisner warnt: „Aktuelle Angriffe sind nur ein Vorgeschmack“

Reisner warnt: „Aktuelle Angriffe sind nur ein Vorgeschmack“

Die Sorge vor einer direkten Eskalation zwischen Russland und der NATO wächst – doch der österreichische Militärhistoriker Oberst Markus Reisner sieht die eigentliche Gefahr woanders. Statt Panzern und einer klassischen Invasion warnt er vor einer viel subtileren Form der Kriegsführung, die längst begonnen habe.

Der Informationsraum als „zentrales Schlachtfeld“

Im Gespräch mit „Ippen.Media“ hält Reisner fest, dass moderne Kriege längst nicht mehr nur mit Waffen entschieden werden. Entscheidend sei, in welchen „Domänen“ ein Konflikt ausgetragen wird – vom Luftraum über den Cyberraum bis zum Informationsraum. Gerade dort tobe die Auseinandersetzung zwischen Russland und den NATO-Staaten bereits mit großer Wucht: „Wir sehen, dass im 21. Jahrhundert vor allem der Informationsraum das entscheidende Schlachtfeld ist“, so der Militärhistoriker. Ziel sei es, die Bevölkerung eines Staates zu beeinflussen und zu spalten.

Gerassimow-Doktrin als Blaupause

Als theoretischen Unterbau zitiert Reisner Putins Generalstabschef Waleri Gerassimow, dessen Konzept aus seiner Sicht bereits die Blaupause für das lieferte, was nun auf Europa zukomme: eine breite Anwendung nicht-kinetischer Mittel – politische, wirtschaftliche und informationelle Kriegsführung, die auf dem Potenzial zur inneren Destabilisierung eines Landes beruht, ergänzt durch Spezialkräfte oder gezielte Militäraktionen.

„Nadelstiche“ als Vorgeschmack

Konkret erwartet Reisner vor allem eine Zunahme sogenannter „Nadelstich“-Operationen wie Drohnenangriffe und Cyberattacken. Sein Fazit fällt deutlich aus: „Russland hat diesen hybriden Krieg mit verschiedenen Maßnahmen längst gestartet. Die aktuellen Angriffe sind nur ein Vorgeschmack.“ Ziel solcher Aktionen sei es, die Bevölkerung zu verunsichern und die Wahrnehmung zu verschieben, wer der eigentliche Feind ist. Als besonders lohnende Ziele solcher verdeckten Angriffe nennt er etwa Flughäfen, weil davon sehr viele Menschen unmittelbar betroffen wären – es gehe Russland um maximale Betroffenheit, Angst und Schrecken.

Vier Phasen bis zur militärischen Intervention

Das russische Vorgehen folge dabei laut Reisner einem wiederkehrenden Muster aus vier Phasen: Demoralisierung, Destabilisierung, Krise und erst zuletzt eine mögliche militärische Intervention. Die Demoralisierung könne dabei bis zu zehn Jahre dauern, die anschließende Destabilisierungsphase im Informationsraum sechs Monate bis zu einem Jahr. Als Beispiel nennt er die Ukraine: Die Demoralisierung habe demnach bereits 2004 begonnen, 2014 folgte ein entscheidender Moment der Destabilisierung, kurz danach der russische Einmarsch im Osten des Landes – und 2022 schließlich die Vollinvasion, die laut Reisner mittlerweile als gescheitert gelten müsse.

Großangriff auf Zentraleuropa unwahrscheinlich – begrenzte Vorstöße nicht ausgeschlossen

Einen massiven russischen Einmarsch in Zentraleuropa hält der Militärbeobachter derzeit für wenig plausibel, da ein solcher Schritt zu eindeutig wäre. Begrenzte Vorstöße auf NATO-Gebiet will er hingegen nicht ausschließen – sie könnten dazu dienen, das Bündnis bloßzustellen und Zweifel an dessen Handlungsfähigkeit zu säen. Als Beleg dafür verweist Reisner auf Aussagen von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der die russische „Spezialoperation“ bereits als zu einem „regionalen Krieg“ ausgeweitet bezeichnet und einzelne europäische Länder als „direkte Kriegsparteien“ eingestuft hatte. Sollte sich der Krieg weiter zuspitzen, rechnet Reisner mit einer deutlichen Zunahme russischer Angriffe auf kritische Infrastruktur – mit dem Ziel, Gesellschaften zu lähmen und Regierungen handlungsunfähig zu machen.

Credits: Paul Kulec – www.bundesheer.at, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175190534

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