Mehr als fünf Wochen nach dem Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta ist von Normalität weiterhin nichts zu spüren. Madrid baut neue Zeltlager, versucht Tausende Migranten zu registrieren – und muss gleichzeitig zusehen, wie Schleuser längst eine neue Route aufs spanische Festland etabliert haben.
Streit um neues Hafenlager
Besonders heftig eskaliert der Konflikt rund um ein neues Aufnahmelager am Hafen. Das spanische Verkehrsministerium gab am Samstag per Ministerresolution 16.000 Quadratmeter am Muelle de Poniente für ein provisorisches Lager für rund 1.000 Migranten frei – und das, obwohl der Verwaltungsrat der Hafenbehörde den Standort tags zuvor mit elf zu vier Stimmen abgelehnt hatte. Ceutas Regionalregierung unter Präsident Juan Vivas spricht von einem „schweren Fehler“, da der Hafen zur kritischen Infrastruktur der Stadt zähle. Selbst die staatliche Hafenbehörde Puertos del Estado räumt ein, dass das Lager zusätzliche Risiken mit sich bringen könnte – aus Madrid heißt es dennoch, das „allgemeine Interesse“ wiege schwerer.
Zeltlager direkt neben einer Kita
Auf Widerstand stößt auch ein zweites geplantes Lager im Stadtteil Los Rosales, wo neun große Zelte für rund 900 Migranten entstehen – nur 15 bis 20 Meter von der neuen Kindertagesstätte Nuestra Señora de África entfernt, die eigentlich am 28. September öffnen sollte. Eltern und Anrainer protestierten, teils wurde versucht, die Bauarbeiten zu stoppen; mittlerweile wird unter Polizeischutz weitergebaut. Ceutas Regierung erwägt inzwischen sogar, Kinder und Personal vorübergehend andernorts unterzubringen. Territorialminister Ángel Víctor Torres bekräftigt trotzdem den Plan: Menschen aufnehmen, identifizieren – und in der großen Mehrheit der Fälle nach Marokko zurückführen.
290 Mädchen nach Sexualdelikten verlegt
Besondere Sorge gilt derzeit minderjährigen Migrantinnen. Am Samstagmorgen wurden 290 minderjährige Mädchen unter starkem Polizeischutz aus dem Sportzentrum eines Gymnasiums im Stadtteil El Príncipe abgezogen und in eine neue, getrennte Unterkunft gebracht – innerhalb weniger Tage wurden damit bereits deutlich mehr als 350 Mädchen verlegt. Grund dafür ist der jüngste Stand der Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft: Seit dem 30. Juli wurden 23 Sexualdelikte registriert, darunter fünf Vergewaltigungen, neun der Opfer waren zwischen 14 und 17 Jahre alt. Dabei könnten viele der betroffenen Mädchen Ceuta längst verlassen: Das spanische Jugendministerium hat erklärt, auf dem Festland stünden 500 Plätze bei privaten Trägern sofort bereit. Der Transfer scheitert jedoch am Streit zwischen Madrid und der Regionalregierung, die vor allem eine Überstellung jener Minderjährigen ablehnt, die beim Grenzansturm vom 30. Juli gekommen sind – aus Sorge, dies könnte als Signal verstanden werden, dass eine illegale Einreise über Ceuta doch den Weg aufs Festland öffnet.
Schleuser verdienen an neuer Route
Während in Ceuta noch über Unterkünfte gestritten wird, funktioniert die Weiterreise längst: Ein 55-seitiger Bericht der spanischen Ermittlungsbehörde Centro Nacional de Inmigración y Fronteras (CENIF) dokumentiert allein zwischen 30. Juli und 19. August 148 Migranten in 29 Booten, die von Ceuta aus Cádiz oder Málaga erreichten. Auch Kajaks, versteckte Transporte auf Fähren und in Fahrzeugen kamen laut dem Bericht zum Einsatz. Für die kurze Überfahrt nach Andalusien verlangen Schleuser den Ermittlungen zufolge zwischen 3.000 und 7.000 Euro pro Person – deutlich weniger als die 12.000 bis 20.000 Euro, die vor dem Grenzansturm für eine direkte Überfahrt von Marokko aufs Festland üblich waren. Zwei Schleuserorganisationen wurden bereits zerschlagen, fünf Verdächtige festgenommen.
Uneinigkeit selbst bei der Opferzahl
Nicht einmal die Zahl der noch in Ceuta befindlichen Migranten ist geklärt: Während Innenminister Fernando Grande-Marlaska bei rund 5.000 Personen bleibt, geht die Regionalregierung von 8.000 bis 9.000 aus, die Polizeigewerkschaft SUP schätzt sogar bis zu 15.000. Auch die Registrierung kommt laut SUP nur schleppend voran – bei durchschnittlich 80 Erfassungen pro Tag und nur sechs verfügbaren Computern könnte allein das Erfassen der noch nicht registrierten Personen rund zehn Monate dauern.
Wirtschaftliche Schäden in dreistelliger Millionenhöhe
Für die kleine Exklave mit rund 83.000 Einwohnern wird die Krise auch finanziell zur Belastungsprobe. Die Handelskammer beziffert die direkten Verluste der Privatwirtschaft bis 30. August auf gut 33 Millionen Euro, mittelfristig könnte der Schaden für Image, Investitionen und Vertrauen sogar auf über 170 Millionen Euro steigen. Die Regionalregierung rechnet bis Jahresende mit zusätzlichen Ausgaben von bis zu 153 Millionen Euro. Besonders hart trifft es den Tourismus: Reservierungen vom spanischen Festland sollen um nahezu 90 Prozent eingebrochen sein.
Ob sich die Lage in absehbarer Zeit beruhigt, bleibt fraglich – zumal in marokkanischen sozialen Netzwerken bereits zu einer neuen Mobilisierung für den 20. September aufgerufen wird, auch wenn ein zentraler Organisator oder eine Beteiligung der marokkanischen Regierung bislang nicht belegt ist.
Credits: Screenshot X
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