PVA-Gutachter mit veralteten Unterlagen geschult: ME/CFS wird als Psychiatrie-Fall dargestellt

PVA-Gutachter mit veralteten Unterlagen geschult: ME/CFS wird als Psychiatrie-Fall dargestellt

Eine gemeinsame Recherche von ORF, APA und dem Magazin „Dossier“ deckt auf: Schulungsunterlagen für PVA-Gutachter enthalten Literaturempfehlungen zu ME/CFS und Post-Covid, die nicht dem aktuellen Wissenschaftsstand entsprechen. Experten zeigen sich „schockiert“.

Geheime Schulungsfolien widersprechen offiziellen Aussagen

Wie der ORF, die APA und das Magazin Dossier gemeinsam berichteten, liegen ihnen Schulungsunterlagen aus einem Zertifizierungslehrgang der Österreichischen Akademie für ärztliche und pflegerische Begutachtung (ÖBAK) aus dem Jahr 2025 vor. Die ÖBAK ist ein von den Pensionsversicherungen gegründeter Verein, organisatorisch und personell eng mit der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) verzahnt – beide haben dieselbe Adresse in Wien.

Das Problem: Sowohl die ÖBAK als auch die PVA hatten zuvor offiziell erklärt, in den Lehrgängen werde kein medizinisches Fachwissen vermittelt – dieses werde bei den Gutachtern vorausgesetzt. Die nun vorliegenden 13-seitigen PowerPoint-Präsentation zeigt konkrete Krankheitsbilder, darunter ME/CFS und das Post-Covid-Syndrom – und enthält Leseempfehlungen, die Fachleute für gefährlich halten.

ME/CFS als Nervenschwäche? Experten sprechen von „Desinformation“

Eine Folie der Schulungsunterlagen stellt ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom – der psychischen Diagnose Neurasthenie gegenüber, umgangssprachlich als „Nervenschwäche“ bekannt. Diese Diagnose gilt in der Fachwelt als veraltet. Wie der ORF berichtete, empfahl ME/CFS-Spezialist Thomas Weber die Auswahl der Literaturhinweise als „schockierend“ zu bezeichnen: Sie würden maximal einen „kleinen, veralteten Einblick“ bieten. Zwei der empfohlenen Artikel aus 2024 würden das Bild vermitteln, ME/CFS sei eine „rein psychiatrische Erkrankung – was es nicht ist. Es ist eine schwere Multisystemerkrankung.“

Internist Christoph Bammer vermutete laut ORF sogar eine gezielte Auswahl: Ein der empfohlenen Artikel kritisiere vor allem den Namen der Krankheit, lasse alle vorhandene Evidenz aus und liefere stattdessen „Scheinargumente für Gutachter, solche Diagnosen einfach abzuwehren.“ Die Auswahl sei geeignet, Betroffene zu diskreditieren und ihren Zugang zu Sozialleistungen zu blockieren.

Nationales Referenzzentrum: Kein wissenschaftlicher Konsens abgebildet

Auch das Nationale Referenzzentrum für postvirale Syndrome an der MedUni Wien sieht die Unterlagen kritisch. Wie der ORF berichtete, erklärte Koleiterin Kathryn Hoffmann, die Leseempfehlungen stellten „ganz klar keinen Konsens der aktuellen Evidenzlage dar“ – der aktuelle Wissensstand zeige eindeutig, dass ME/CFS eine „somatische, also körperliche Erkrankung ist.“ Koleiterin Eva Untersmayr-Elsenhuber bezeichnete die beiden empfohlenen ME/CFS-Artikel als bloße „Einzelmeinungen.“ Besonders auffällig sei das Fehlen wesentlicher Dokumente wie das deutschsprachige Konsensstatement zu ME/CFS und die österreichische Leitlinie für postvirale Zustände.

Missstände in der Praxis – ein Drittel der Gutachten unterstellt Simulation

Die Schulungsunterlagen sind kein abstraktes Problem. Wie der ORF unter Berufung auf eine frühere Auswertung von 124 PVA-Gutachten berichtete, wurde in einem Drittel der analysierten Fälle Betroffenen unterstellt, zu simulieren oder ihre Symptome zu übertreiben. In 50 Gutachten fand sich statt der korrekten Diagnosen ME/CFS oder Post-Covid eine psychische Erkrankung als Hauptdiagnose. Nach Schätzungen sind mehr als 70.000 Menschen in Österreich an ME/CFS erkrankt, rund 15.000 davon können die Wohnung nicht verlassen.

Die ÖBAK erklärte auf ORF-Anfrage, Unterlagen würden „laufend aktualisiert“ – im aktuellen Stand seien keine Literaturhinweise mehr enthalten.

Credits: Von C.Stadler/Bwag – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68554130

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