Psychiatrie-Krise im Gefängnis: Sporrer weiß nicht, wie viele Häftlinge psychisch krank sind

Psychiatrie-Krise im Gefängnis: Sporrer weiß nicht, wie viele Häftlinge psychisch krank sind

Die Volksanwaltschaft spricht von Systemversagen – und eine exxpress-Anfrage zeigt: Das Justizministerium hat nicht einmal die Grundlagendaten.


Bericht mit Sprengkraft

Verdreckte Hafträume, Isolationshaft, ein Metallkäfig im Innenhof – in den vergangenen Wochen haben Berichte über die Zustände in Österreichs Gefängnissen für Aufsehen gesorgt. Vergangene Woche legte die Volksanwaltschaft nun ihren Schwerpunktbericht zu psychisch erkrankten Menschen im Strafvollzug vor – basierend auf 17 Besuchen in Justizanstalten zwischen Jänner 2025 und März 2026, wie der ORF berichtet. Untersucht wurden dabei die Fälle von 59 Betroffenen, darunter 13 Frauen und zwei Jugendliche.

Das Urteil ist vernichtend. Volksanwältin Gaby Schwarz (ÖVP) sprach bei der Präsentation offen von einem „Systemversagen“. Kommissionsleiter Reinhard Klaushofer wurde laut Puls24 noch konkreter: Die Versorgungs- und Betreuungslücken im Strafvollzug bedingten „systemisch verankerte Menschenrechtsverletzungen“.

Das Ministerium kennt die Zahlen nicht

Wie exxpress berichtet, wollte das Nachrichtenportal vom Justizministerium wissen, wie viele Häftlinge bereits vor der Inhaftierung psychisch erkrankt waren – und wie viele erst im Gefängnis entsprechende Probleme entwickeln. Die Antwort aus dem Ressort von Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) fiel dürftig aus: Diese Zahlen seien „nicht flächendeckend erhebbar“.

Damit fehlt die Datengrundlage, auf der eine ernsthafte Reform überhaupt erst aufgebaut werden könnte. Ohne zu wissen, wie viele Betroffene es gibt, lässt sich weder das Ausmaß der Krise einschätzen noch messen, ob Gegenmaßnahmen wirken.

Suizide verfünffacht, Fachärzte Mangelware

Die Zahlen, die vorliegen, sind alarmierend. Wie profil berichtet, haben sich Suizide im Strafvollzug seit 2019 verfünffacht. Allein im laufenden Jahr 2026 wurden bis Ende März bereits sechs Suizide und zwölf Suizidversuche gemeldet – so viele wie im gesamten Jahr 2020.

Dazu kommt ein massiver Mangel an psychiatrischem Fachpersonal. Wie der ORF dokumentiert, sind in der Justizanstalt Wien-Josefstadt mit rund 1.200 Häftlingen von 78 vorgesehenen psychiatrischen Wochenstunden nur 18 besetzt. In Wiener Neustadt und St. Pölten steht ein Psychiater für gerade einmal vier Stunden pro Woche zur Verfügung. Die Folge: Justizwachebeamte übernehmen Betreuungsaufgaben, für die sie nicht ausgebildet sind – und Betroffene landen in Einzelhafträumen, was ihre Erkrankungen weiter verschärft.

Einzelschicksale, die aufhorchen lassen

Der Bericht enthält konkrete Fälle, die das Ausmaß des Problems greifbar machen. Wie Puls24 schildert, wurde ein 17-jähriger Häftling nach seiner Verlegung von Wien-Josefstadt in die Justizanstalt Krems erst nach acht Monaten – und nur weil er in einen psychischen Ausnahmezustand geriet – erstmals vom Anstaltspsychiater gesehen. In der Justizanstalt Ried verbrachte eine Frau mit paranoider Schizophrenie über mehrere Monate hinweg 22 Stunden täglich in einem videoüberwachten Einzelhaftraum auf der Männerabteilung – bei einer Psychiaterin, die regulär alle 14 Tage für einen Tag vor Ort ist.

Ministerium verspricht Besserung – vorerst auf dem Papier

Das Justizministerium weist die Kritik nicht zurück. Man nehme die Feststellungen „sehr ernst“, heißt es laut profil in einem Statement, und habe die sofortige Überprüfung der Einzelfälle veranlasst. Als erste Schritte nennt das Ressort: Seit Jänner 2026 gibt es eine Chefpsychiaterin für den Strafvollzug, seit März wird das forensisch-therapeutische Zentrum Asten als Ausbildungsstätte anerkannt – vorerst mit zwei Plätzen.

Volksanwältin Schwarz zeigt sich skeptisch: Seit Jahren warne die Volksanwaltschaft, die Hinweise seien ignoriert worden. Ob die angekündigten Schritte Früchte tragen, müsse man erst sehen – egal unter welcher Regierung habe sich bisher wenig geändert.


Quellen: exxpress.at, ORF (orf.at), Puls24 (puls24.at), profil.at, Menschen & Rechte (menschenundrechte.at)

Credits: APA

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