Nach anderthalb Jahren Massenprotesten gibt Serbiens Präsident Aleksandar Vučić nach. Er kündigte am Samstag seinen baldigen Rücktritt an – und brachte damit das politische System ins Wanken, das er seit einem Jahrzehnt kontrolliert.
Die Ankündigung auf eigener Kundgebung
Nicht bei einer Pressekonferenz, sondern auf einer regierungsfreundlichen Kundgebung in Belgrad machte Vučić die überraschende Ankündigung, wie Reuters, t-online und NZZ berichten. „Ich werde nur noch ein paar Wochen Präsident sein, und dann werde ich zurücktreten“, sagte Vučić vor seinen Anhängern. Gleichzeitig kündigte er vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an und erklärte, er wolle seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) im Wahlkampf weiter unterstützen. Einen konkreten Termin für seinen Rücktritt oder die offizielle Parlamentsauflösung nannte er nicht. Regulär hätte Vučićs zweite und verfassungsmäßig letzte Amtszeit erst Mitte 2027 geendet – ebenso wie die nächsten Parlamentswahlen.
Der Auslöser: Ein eingestürztes Vordach
Was als lokale Katastrophe begann, wuchs sich zur größten politischen Krise Serbiens seit dem Zerfall Jugoslawiens aus. Am 1. November 2024 stürzte das mit chinesischer Hilfe renovierte Vordach des Bahnhofs Novi Sad ein – 16 Menschen kamen ums Leben, wie t-online und Wikipedia übereinstimmend berichten. Für Demonstranten, Opposition und Menschenrechtsgruppen war der Einsturz kein Unglück, sondern ein Symbol: Korruption und Missmanagement der Regierung bei Bauprojekten hätten die Katastrophe verursacht. Vučić wies die Vorwürfe stets zurück.
Anderthalb Jahre Druck von der Straße
Was folgte, waren anderthalb Jahre anhaltende Proteste, angeführt von Studenten. Die Bewegung forderte Aufklärung über den Einsturz, Neuwahlen und das Ende von Vučićs Herrschaft. Vor wenigen Tagen hatten Studierende in Novi Sad erneut an die Opfer erinnert und die Proteste damit neu befeuert, wie der Bund/Tamedia berichtet. Im Sommer 2025 waren die Proteste eskaliert – Vučić wird laut Wikipedia beschuldigt, paramilitärische Gruppen gegen Demonstranten eingesetzt zu haben. Aktivisten der Studentenbewegung kündigten unmittelbar nach Vučićs Ankündigung an, bei den kommenden Wahlen mit eigenen Listen anzutreten.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Vučićs Rücktrittsankündigung ist ein historischer Moment – aber kein abgeschlossener. Weder Datum noch Mechanismus wurden genannt. Dass er die Ankündigung vor eigenen Anhängern machte und gleichzeitig seinen weiteren Wahlkampf für die SNS ankündigte, deutet darauf hin, dass der Rücktritt strategisch kalkuliert ist: Vučić entzieht dem Protest seinen unmittelbaren Angriffspunkt – sich selbst – und versucht gleichzeitig, die Kontrolle über den Übergangsprozess zu behalten. Ob die Studentenbewegung diesen Schritt als echten Aufbruch oder als weiteren Täuschungsversuch wertet, wird die kommenden Wochen entscheiden.
Credits: Bild KI-generiert
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