Im medienrechtlichen Prozess, den vier Polizisten gegen den früheren grünen Nationalratsabgeordneten Peter Pilz führen, haben sich vergangene Woche weitere „Theorien“ im Fall Pilnacek in Luft aufgelöst. Der suspendierte Sektionschef Christian Pilnacek dürfte sich in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober 2023 das Leben genommen haben, nachdem er wenige Stunden zuvor als Geisterfahrer unterwegs war und den Führerschein abgeben musste.
Einen bemerkenswerten Auftritt legte die letzte Freundin von Christian Pilnacek, Karin Wurm, hin. Seit fast zwei Jahren verbreitet sie das Gerücht, dass der Sektionschef aus dem Justizministerium ermordet worden wäre. Ein Interview, in dem Wurm das erst vor wenigen Wochen gegenüber dem Fernsehsender „oe24 TV“ getan hat, wurde wieder offline genommen. Wurms Befragung als Zeugin im medienrechtlichen Prozess gegen Pilz dauerte drei Stunden und brachte nicht nur die Anwälte der Polizisten, Peter Zöchbauer und Linda Poppenwimmer, sondern auch einige Zuhörer an den Rand der Verzweiflung.
Wurm glaubt nicht nur an den nahenden Einfluss der Ndrangheta und Camorra, wie sie unlängst in einer Doku auf „Servus TV“ erklärte, sondern auch an den „Deep State“. Im Saal 303 des Landesgerichtes für Strafsachen in Wien sagte sie:
„Wer in diesem Land nicht kooperiert, wird weggeräumt.“
Ähnlich äußerte sie sich zuvor etwa gegenüber der „Kronen Zeitung“: „Wer nicht pariert, wird operiert.“ Obwohl im Zuge der Obduktion entsprechende Untersuchungen durchgeführt worden waren und diese keinerlei Anhaltspunkte lieferten, stellte Wurm vor Gericht eine mögliche Beeinträchtigung von Christian Pilnacek in den Raum:
„Er hat mich keines Blickes gewürdigt und sich so verhalten, als ob er unter Drogen war“, sagte sie.
Auf viele Fragen konnte Wurm keine nachvollziehbaren Antworten geben bzw. verstrickte sie sich wie schon bei ihrer Befragung in einem vorangegangenen medienrechtlichen Prozess gegen Pilz in Widersprüche. In den Situationen, in denen es für sie unangenehm wurde, begab sie sich in die Opferrolle und meinte, „wie eine Mörderin“ befragt zu werden: „Bitte suchen Sie nach den wahren Tätern, aber lassen Sie mich in Ruhe“, sagte sie.
Wurm, die stets beteuert, mit Christian Pilnacek nie über das Thema Politik gesprochen zu haben, erklärte, dass dieser „aus dem Weg geräumt“ worden wäre und darüber hinaus zu ihr gesagt hätte:
„Wenn ich auspacke, dann gehen viele in den Häfn.“
Auf die Frage, ob Strafverfahren gegen sie laufen, antworte Wurm: „Sie wollen mich mundtot machen, mundtot!“ Die Betreiberin eines Schuhgeschäftes in der Kremser Innenstadt ist Beschuldigte in zwei Strafverfahren. In einem Verfahren, das von der Staatsanwaltschaft St. Pölten geführt wird, geht es um das Verschwinden des privaten Laptops des Sektionschefs. Im zweiten Verfahren, das von der WKStA geführt wird, um den Verdacht der falschen Beweisaussage – ebenfalls im Zusammenhang mit dem Laptop.
Ob Peter Pilz, der viele seiner Behauptungen auf die Aussagen von Karin Wurm stützt, glücklich mit dem Auftritt seiner „Kronzeugin“ war, ist nicht bekannt. Aber auch ein Kriminalpolizist aus Weißenkirchen nahm dem Ex-Nationalratsabgeordneten den Wind aus den Segeln. Konkret geht es um den von Pilz erhobenen Vorwurf der schlampigen Polizeiarbeit bzw. Vertuschung. Der Revierinspektor schilderte glaubwürdig, welche Absicherungsmaßnahmen bzw. Maßnahmen zur Spurensicherung ergriffen wurden. Zu den Verletzungen von Christian Pilnacek, die er wahrgenommen habe, sagte der Beamte:
„Eine Wunde an der Stirn ist mir in Erinnerung, eine nicht tiefe und ich würde es als leichte bezeichnen.“
Und, so der Polizist weiter:
„Keine lebensbedrohlichen Verletzungen, alles eher leichte Verletzungen.“
Hinweise auf Fremdverschulden habe es ebenso wenig gegeben wie Zweifel an einem Suizid als Motiv für das Ableben von Christian Pilnacek.
Fast eineinhalb Stunden stand der ehemalige ORF- und „Presse“-Redakteur Gernot Rohrhofer Rede und Antwort. Er betonte, „vermutlich mehr Akten als Peter Pilz zu kennen“ und nicht nachvollziehen zu können, „wie man in Kenntnis all dieser Akten“ zu dem Schluss kommen könne, „dass Christian Pilnacek ermordet worden wäre.“ Laut Rohrhofer gebe es „nicht einen Hinweis“ für ein Tötungsdelikt, dafür sehr „viele Spekulationen, aber keine Beweise.“ Rohrhofer zitierte aus einem Telefonat mit Karin Wurm, das er im September 2024 zu Recherchezwecken führte. Besonders in Erinnerung blieb ihm das Wort Apanage: „Ich kannte dieses Wort nicht.“ So hätte sich Wurm, die sich laut Rohrhofer „mit ihren guten Kontakten zu den Gudenus-Brüdern brüstet“, eine Apanage für ihre Zusammenarbeit mit Peter Pilz erwartet.
Während Rohrhofer auch einen Unfall für denkbar hält, ist für den Gerichtsmediziner, der Christian Pilnacek im Auftrag der Staatsanwaltschaft Krems obduzierte, ein Suizid plausibel, wenngleich es nicht seine Aufgabe sei, „zu beurteilen, ob es sich um einen Unfall oder Selbstmord handelt.“ Der Sachverständige war vergangene Woche ebenfalls Zeuge im Prozess gegen Peter Pilz und sagte, dass keine der Verletzungen als „schwer“ zu klassifizieren gewesen seien:
„Für Schläge wären diese Verletzungen absolut untypisch.“
Der Arzt kennt sämtliche Stellungnahmen, die Pilz privat eingeholt hat. Von diesem danach gefragt, warum die Steine im Uferbereich des Seitenarms keine Spuren eines Sturzes aufweisen würden, antwortete der Gerichtsmediziner, „dass ein menschlicher Körper keinen Stein deformieren kann.“
Interventionen von Politikern oder Journalisten, das Gutachten auf eine bestimmte Art und Weise zu gestalten, hätte es nicht gegeben, sagte der Gerichtsmediziner. Das verneinten bislang auch alle Polizisten, die seit Prozessbeginn befragt wurden. Damit dürften sich auch die von Pilz propagierten Vorwürfe des Amtsmissbrauchs bzw. der „türkisen Polizeikette“ nicht bewahrheiten.
Zu Wort in der intensiven Prozesswoche kam auch die Gemeindeärztin von Rossatz. Das ist jener Ort, in dem der Leichnam von Christian Pilnacek am 20. Oktober 2023 gefunden wurde.
„Schnucki, wenn ich jetzt ah Hackn hab, hast as du auch. Wir brauchen eine Obduktion“, habe sie damals zur zuständigen Kremser Staatsanwältin gesagt, mit der sie darüber hinaus befreundet ist.
Die Gemeindeärztin konnte Fremdverschulden zwar nicht ausschließen, allerdings auch keine Anzeichen für ein solches feststellen. „Und auch keine schweren Verletzungen“, so die Medizinerin. Untypisch sei ihr der blaue Kopf von Christian Pilnacek vorgekommen. Als „nicht auffallend“ bezeichnete diese Dunkelfärbung hingegen der offiziell bestellte Gerichtsmediziner.
Was nach sechs Verhandlungstagen bislang bleibt, fasst eine Redakteurin des „Kurier“ treffend zusammen: „Peter Pilz nutzt den Saal 303 im Wiener Straflandesgericht seit Monaten für seine ganz persönliche, staatlich co-finanzierte PR-Show. Oder – etwas wohlwollender ausgedrückt – eine Art außerparlamentarischem U-Ausschuss mit ihm als einzigen Mandatar.“ Eine Show mit ausufernden Monologen und Fragen, die sich Pilz selbst beantwortet. Eine Show, die mittlerweile auch den Richter nervt. Und eine Show, für deren Kosten zum Teil der Steuerzahler aufkommen muss.
Credits: APA (Pilnacek)
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