Zwischen Handwerk und Weltmarkt: Die Klaviermanufaktur PETROF

Zwischen Handwerk und Weltmarkt: Die Klaviermanufaktur PETROF

Wer die Produktionshallen von PETROF im ostböhmischen Hradec Králové betritt, hat zunächst das Gefühl, in der Zeit zurückzureisen. Holzgeruch liegt in der Luft, Menschen hobeln, leimen, prüfen. Hier stehen keine anonymen, vollautomatischen Fertigungsstraßen, sondern Werkbänke. Rund 80 Prozent eines PETROF-Klaviers entstehen noch immer in Handarbeit – in einer Branche, in der viele Wettbewerber längst auf maximale Automation gesetzt haben.

Und doch ist PETROF alles andere als aus der Zeit gefallen. Die Manufaktur gilt heute als größter Hersteller akustischer Flügel und Klaviere in Europa und exportiert ihre Instrumente auf fünf Kontinente in mehr als 60 Länder.

Eine Werkstatt hinter der Kirche – der Anfang

Die Geschichte beginnt 1864. Der junge Antonín Petrof, Sohn eines Schreinermeisters aus Hradec Králové, kehrt nach Lehrjahren in Wien zurück, wo er bei renommierten Klavierbauern wie Heitzmann, Ehrbar und Schweighofer gelernt hat, wie Konzertflügel gebaut werden.

Zurück in Böhmen verwandelt er die Tischlerwerkstatt seines Vaters – „hinter der Kathedrale des Heiligen Geistes“, wie die Firmenchronik notiert – in eine Klavierwerkstatt und baut seinen ersten Flügel.

Aus dieser Werkstatt wächst innerhalb weniger Jahrzehnte eine Fabrik, die bald nach Wien exportiert. Ende des 19. Jahrhunderts wird Antonín Petrof zum kaiserlich-königlichen Hofklaviermacher ernannt – ein Titel, der damals nicht nur Prestige, sondern auch Sichtbarkeit im gesamten Habsburgerreich bedeutet.

Familienunternehmen durch Monarchie, Sozialismus und Marktwirtschaft

Dass PETROF heute noch existiert und dazu in Familienhand ist, ist alles andere als selbstverständlich. Das Unternehmen überlebt den Untergang der Monarchie, Weltwirtschaftskrise, Nazibesatzung und Sozialismus. Während der kommunistischen Zeit wird die Firma verstaatlicht, die Marke bleibt jedoch erhalten, der Standort ebenfalls.

Erst in den 1990er-Jahren, nach der politischen Wende, kehrt PETROF Schritt für Schritt in Familienbesitz zurück. Heute führt mit Zuzana Ceralová Petrofová eine Vertreterin der fünften Generation das Unternehmen – eine der wenigen Frauen an der Spitze eines europäischen Traditionsbetriebs im Instrumentenbau.

Rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten aktuell für PETROF, die Jahresproduktion liegt bei etwa 2.000 Flügeln und 12.000 Klavieren.Seit 1864 wurden unter dem Namen PETROF über 630.000 Instrumente gebaut, hinzu kommen weitere Marken, die zur sogenannten „PETROF Brand Family“ zählen.

Der „romantische Klang“ als Markenzeichen

In der Klavierwelt ist PETROF für etwas bekannt, das sich schwer messen, aber sehr gut hören lässt: den Klang. Die Instrumente gelten als weich, warm, rund – in der eigenen Kommunikation ist von einem „ungewöhnlich sanften, runden und romantischen Ton“ die Rede.

Dieser Klang ist kein Zufall. Die Fertigung setzt auf massive Resonanzböden aus Fichtensholz aus europäischen Wäldern, auf ausgewählte Hölzer für Zargen und Rasten und auf traditionelle Stimmstock-Konstruktionen. Die Komponenten – von den Saiten über die Mechanik bis zur Lackierung – werden so kombiniert, dass am Ende das entsteht, was Klavierlehrer, Profis und ambitionierte Amateure gleichermaßen suchen: ein Instrument, das trägt, ohne aggressiv zu klingen, und das sich in Wohnzimmern ebenso wohlfühlt wie auf kleinen Bühnen oder in Konzertsälen.

Mehr als ein Logo: Die PETROF Markenfamilie

Unter dem Dach von PETROF arbeiten heute mehrere Marken. Neben den klassischen PETROF-Instrumenten und der hochwertigen Linie ANT. PETROF – dem Premiumsegment mit Konzertflügeln wie dem ANT. PETROF 275 – gehören dazu Marken wie Rösler, Weinbach, Scholze, Fibich und Akord. 

Die Idee dahinter: unterschiedliche Preis- und Qualitätssegmente zu bedienen, ohne den Klangcharakter komplett aufzugeben. Einsteiger-Klaviere werden teilweise unter Lizenz nach PETROF-Spezifikation in Asien produziert, während die hochwertigen Flügel und Klaviere weiterhin in Hradec Králové gebaut werden.

Auch strategische Entscheidungen bleiben dabei nicht aus: In den vergangenen Jahren verlagerte PETROF einzelne Produktionsschritte kostensensibler Serien nach Indonesien – ein Schritt, der in Tschechien durchaus diskutiert wurde, gleichzeitig aber helfen soll, am Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben und das Kerngeschäft in Böhmen zu sichern.

Die PETROF Gallery: Konzertsaal, Showroom, Treffpunkt

Wie sehr PETROF sein Handwerk als Erlebnis versteht, zeigt die PETROF Gallery am Firmensitz. Der moderne Bau beherbergt eine der größten und modernsten Klavierausstellungen Mitteleuropas, ein Musik-Café mit selbstspielendem Piano – und eine multifunktionale Halle mit Platz für bis zu 500 Personen. 

Hier finden Konzerte, Präsentationen, Konferenzen und Firmenfeiern statt; Besucher können verschiedene Modelle testen, vom kompakten Upright-Piano bis zum Konzertflügel der Master-Serie. Für die Marke ist die Gallery Showroom, Bühne und Visitenkarte zugleich – und ein Statement: Klavierbau ist für PETROF kein reiner Industriezweig, sondern Kulturarbeit.

Handarbeit im Zeitalter des Digitalen

Gerade in einer Zeit, in der Musikproduktion zunehmend in Laptops stattfindet und virtuelle Instrumente immer perfekter klingen, wirkt ein Unternehmen wie PETROF beinahe anachronistisch – im positiven Sinn.

Die Manufaktur setzt weiter auf Holz, Stahl, Filz, Lack – und auf Menschen, die oft Jahrzehnte im Betrieb sind. Bei Führungen erzählen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von jahrelanger Ausbildung, von Gehör, das kleinste Unstimmigkeiten wahrnimmt, und von der Verantwortung, ein Instrument zu bauen, das mehrere Generationen überdauern soll.

Gleichzeitig nutzt PETROF moderne Entwicklungen durchaus: CNC-Technik hilft beim präzisen Zuschnitt, digitale Tools unterstützen Konstruktion und Qualitätskontrolle, Marketing und Vertrieb sind international aufgestellt. Die Marke ist auf Messen präsent, arbeitet mit Distributoren weltweit und etabliert Kooperationen – etwa im Bereich digitaler Klaviermodelle mit Software-Herstellern, die den „romantischen PETROF-Klang“ virtuell verfügbar machen.

Ein europisches Gegenmodell zur Wegwerfmentalität

In einer globalisierten Musikwelt, in der sich preisgünstige Digitalpianos und kurzlebige Konsumtrends stapeln, steht PETROF für ein anderes Versprechen: ein Instrument, das nicht in Mode kommt – und auch nicht aus ihr fällt.

Das Firmenporträt lässt sich deshalb in einem Satz zusammenfassen: PETROF ist eine Manufaktur, die in Böhmen verwurzelt ist, auf der ganzen Welt spielt und dabei konsequent an eine Idee glaubt, die älter ist als das Unternehmen selbst – dass echte Musik ein handwerklich gebautes Instrument braucht und Menschen, die ihm eine Seele einhauchen.

Wenn in Hradec Králové ein neuer Flügel zum ersten Mal angespielt wird, ist es genau dieser Moment, auf den im Werk alles hinausläuft: ein weicher, singender Ton, der für viele Pianistinnen und Pianisten längst zum Markenzeichen aus Böhmen geworden ist.

Credits: petrof.de/susan-petrof–1

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