Der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrats, Heinz Lederer (SPÖ), gerät ins Visier der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen ihn wegen des Anfangsverdachts der schweren Nötigung – ein mitprotokolliertes Telefonat mit dem damaligen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann steht im Zentrum der Vorwürfe.
Ein Telefonat mit Folgen
Wie derStandard unter Berufung auf die „Kronen Zeitung“ berichtet, soll Lederer im Frühjahr 2025 in einem Gespräch mit Weißmann Forderungen etwa zu Personalbesetzungen und Produktionsaufträgen mit der anstehenden Generalsdirektoren-Wahl 2026 verknüpft haben. Weißmann wollte sich damals um eine weitere Amtszeit bewerben. Das Telefonat wurde nach den vorliegenden Angaben von Weißmann selbst sowie einem Mitarbeiter protokolliert. Lederer erklärte dazu, es sei „Pflicht und Aufgabe“ von Stiftungsräten, sich mit dem Generaldirektor „auszutauschen“.
Nicht der erste Vorwurf gegen Lederer
Die aktuellen Ermittlungen sind nicht der erste Konflikt zwischen Lederer und dem inzwischen zurückgetretenen ORF-Chef. Weißmann trat am 8. März 2026 nach Vorwürfen einer Mitarbeiterin wegen sexueller Belästigung aus dem Jahr 2022 als Generaldirektor zurück. Wie er später über den Verleger Christian W. Mucha öffentlich machte, sieht er den Rücktritt allerdings nicht als freiwillig: Sein Anwalt Oliver Scherbaum erklärte, wie wir bereits im April berichteten, Weißmann habe nie vollständigen Einblick in die konkreten Vorwürfe erhalten, eine inhaltliche Überprüfung habe nicht stattgefunden, und dennoch sei ihm vom Stiftungsratspräsidium nur eine Frist von wenigen Tagen gesetzt worden. Eine interne Untersuchung der ORF-Compliance-Abteilung sei später zu einem für Weißmann weitgehend entlastenden Ergebnis gekommen.
In diesem Zusammenhang erhob Weißmann auch erstmals öffentlich den Vorwurf, Lederer habe versucht zu intervenieren, damit bestimmte Produktionsfirmen ORF-Aufträge erhielten – was Weißmann verhindert habe. Lederer soll daraufhin gedroht haben, er werde dann eben nicht mehr Generaldirektor sein. Ein Mitarbeiter Weißmanns habe dieses Gespräch mitgehört, eine Aktennotiz existiere.
FPÖ-Stiftungsräte gingen bereits im Frühjahr juristisch vor
Auch innerhalb des Stiftungsrats selbst formierte sich Widerstand gegen Lederers Vorgehen. Die von der FPÖ nominierten Stiftungsräte Peter Westenthaler und Christoph Urtz reichten bereits Anfang April Beschwerde bei der Medienbehörde KommAustria gegen Lederer und seinen Stellvertreter Gregor Schütze ein, wie Horizont berichtete. Der Kern ihres Vorwurfs: Lederer und Schütze hätten Weißmann unter Druck gesetzt, um einen formellen Abberufungsbeschluss des Stiftungsrats zu umgehen, für den keine gesicherte Zweidrittelmehrheit bestanden habe. Zudem monierten die beiden, dass der Stiftungsratsvorsitzende ohne entsprechende Kompetenz einen Anwalt für Beratungs- und Vertretungstätigkeiten beauftragt habe.
Auch Signa-Verbindungen sorgten für Schlagzeilen
Bereits zuvor war Lederer wegen möglicher Verbindungen zum insolventen Immobilienkonzern Signa in die Kritik geraten. Laut einem Bericht von Heute.at, der sich auf eine der „Krone“ vorliegende Leistungsabrechnung der Kanzlei des Signa-Anwalts Stefan Prochaska beruft, kommunizierte dieser am 4. November 2022 – in einer Zeit, in der die Signa-Gruppe besonders aufmerksam auf kritische ORF-Berichterstattung reagierte – mehrfach mit Lederer. Der Stiftungsratsvorsitzende weist eine direkte Rolle für Signa jedoch zurück und betont, keinen Auftrag des Unternehmens gehabt zu haben und René Benko nicht persönlich zu kennen.
Was jetzt zu beachten ist
Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich bislang um einen Anfangsverdacht, keine Anklage oder Verurteilung. Für Lederer gilt die Unschuldsvermutung. Auch im Fall Weißmann selbst laufen parallel eigene Ermittlungen: Der Ex-Generaldirektor hatte seinerseits die betroffene Mitarbeiterin und deren Anwalt wegen des Verdachts auf schwere Erpressung angezeigt, wie das Magazin „Falter“ in einer kritischen Analyse der Krone-Berichterstattung zu diesem Verfahren dokumentiert.
Ein ORF weiterhin im Umbruch
Die neuen Ermittlungen gegen Lederer fallen in eine Zeit, in der der ORF ohnehin mit personellen Umbrüchen beschäftigt ist. Nach Weißmanns Rücktritt übernahm zunächst Radiodirektorin Ingrid Thurnher interimistisch die Geschäftsführung, ehe am 11. Juni 2026 unter Lederers Vorsitz ein neuer Generaldirektor bestellt wurde. Wie sich die neuen strafrechtlichen Vorwürfe auf Lederers Position an der Spitze des Kontrollgremiums auswirken, ist bislang offen.
Credits: Wikipedia
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