Bei einem Vortrag in Wien hat ORF-Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary deutliche Kritik an Israel und dem von US-Präsident Donald Trump initiierten „Friedensrat“ geübt. Er forderte ein Ende der „brutalen Besatzung“ des Gazastreifens und bezeichnete die Zusammensetzung des Gremiums als „kolonial“.
„Waffenstillstand, der den Namen nicht verdient“
El-Gawhary sprach am Mittwoch in Wien über die aktuelle Lage im Nahen Osten. Wie Puls24 berichtet, bezeichnete der langjährige Korrespondent die Situation im Gazastreifen als „katastrophal, gerade jetzt im Winter“. Es herrsche ein „sogenannter Waffenstillstand, der kaum diesen Namen verdient“.
Seit der Ausrufung der Waffenruhe im Oktober 2025 seien laut El-Gawhary über 600 Palästinenser sowie drei israelische Soldaten getötet worden. Israel besetze weiterhin rund die Hälfte des Gazastreifens und blockiere Hilfslieferungen. Zudem müssten 60 Millionen Tonnen Schutt weggeschafft werden, „bevor man überhaupt an einen Wiederaufbau denken kann“.
Scharfe Kritik am Trump-Friedensrat
Besonders kritisch äußerte sich El-Gawhary zum von Trump verkündeten „Friedensrat“ für Gaza. „Was genau die Aufgaben dieses Friedensrats sein sollen, ist völlig unklar“, sagte der Journalist. Das gelte auch für den diesem unterstellten Exekutivrat.
Die Zusammensetzung habe etwas „ziemlich kolonial Anmutendes“, so El-Gawhary. Dem Gremium gehören unter anderem Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der ehemalige britische Premier Tony Blair, US-Außenminister Marco Rubio und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an. Palästinenser seien in den Führungsgremien nicht vertreten.
Was ist der Trump-Friedensrat?
Der von Trump geleitete „Board of Peace“ wurde ursprünglich zur Überwachung des Gaza-Waffenstillstands konzipiert. Inzwischen hat Trump die Ambitionen ausgeweitet: Das Gremium soll künftig globale Konflikte vermitteln. Einladungen gingen an Dutzende Länder, darunter auch Russland.
Der Exekutivrat soll laut Weißem Haus „kritische Portfolios für Gazas Stabilisierung und langfristigen Erfolg beaufsichtigen“ – darunter Regierungsaufbau, regionale Beziehungen, Wiederaufbau und Investitionen. Netanyahu stimmte der Teilnahme trotz anfänglicher Kritik zu – obwohl gegen ihn ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vorliegt.
Mehrere europäische Länder lehnen eine Teilnahme ab. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte, das Gremium könne die Rolle der Vereinten Nationen untergraben. Auch Norwegen und Schweden sagten ihre Teilnahme ab.
„Brutale Besatzung muss enden“
Für dauerhaften Frieden sei aus Sicht von El-Gawhary ein Ende der „israelischen brutalen Besatzung“ nötig. Er verglich die Situation mit Algerien 1962: Dort habe die französische Kolonialherrschaft erst geendet, als sich breiter Widerstand aus der französischen Bevölkerung formierte.
Nicht die erste Kontroverse
Wie Exxpress berichtet, ist es nicht das erste Mal, dass El-Gawhary wegen seiner Israel-Kritik in die Schlagzeilen gerät. Ende 2025 soll er Trump mit einem falschen Zitat als „herzlosen Kriegstreiber“ dargestellt haben. Der ORF-Korrespondent war zudem in der Vergangenheit mehrfach wegen seiner Wortwahl kritisiert worden – etwa weil er Israelis konsequent als „Besatzer“ und Palästinenser als „Besetzte“ bezeichnete.
Der Vertrag des 63-jährigen Journalisten als freier Mitarbeiter läuft Mitte 2026 aus. Der ORF gab bekannt, dass El-Gawhary weiterhin als Freelancer für den Sender tätig sein werde. Das ORF-Büro in Kairo wird geschlossen, der Nahost-Schwerpunkt künftig von einem neuen Standort im arabischen Raum aus abgedeckt.
Quellen:
- Puls24
- oe24.at
- Exxpress
- Al Jazeera
- Weißes Haus/Trump-Administration
- Euronews
Credits: WIKI, Dontworry, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
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