ORF III und die verschwiegene Auftragsware: Dokumentationen ohne Transparenz

ORF III und die verschwiegene Auftragsware: Dokumentationen ohne Transparenz

ÖBB und Wirtschaftskammer haben Dokumentationen finanziert, die auf ORF III ausgestrahlt wurden — ohne dass das offengelegt wurde. Ein gemeinsamer Bericht von Der Standard und dem Investigativpodcast Die Dunkelkammer bringt den Sender erneut in Erklärungsnot.

1.500 Euro Lizenzgebühr für eine ÖBB-Auftragsproduktion

Der Kern des Falls ist einfach: ORF III hat die Dokumentation „100 Jahre ÖBB“ gegen eine Lizenzgebühr von lediglich 1.500 Euro ausgestrahlt. Dass die Produktion im Auftrag der Bundesbahnen entstand und diese die Produktionskosten von 50.000 Euro trugen, wurde dem Publikum nicht mitgeteilt. Laut Verträgen, die laut Der Standard und Die Dunkelkammer vorliegen, bestätigten die ÖBB, die Produktionskosten übernommen zu haben — betonten aber gleichzeitig, das Drehbuch sei „ungeschönt“ aufgearbeitet worden und das sei auch vertraglich festgehalten.

Der ORF konterte mit einer knappen Stellungnahme gegenüber der APA: Es handle sich um „einen klassischen Kauf mit Bearbeitungsrechten“, den Erfordernissen des ORF-Gesetzes sei entsprochen worden.

Wirtschaftskammer, SPÖ-Verein, ÖVP-Bauernbund: Die Liste wird länger

Wie oe24 unter Berufung auf den Standard-Bericht festhält, beschränkt sich das Problem nicht auf die ÖBB-Dokumentation. Die Dokuserie „Made in Austria: Grenzenlos erfolgreich“ ist auch auf dem YouTube-Kanal der Außenwirtschaft Austria abrufbar — einer Einrichtung der Wirtschaftskammer. Auch hier wurden laut Standard nur Lizenzgebühren bezahlt, ohne dass die Herkunft offengelegt wurde.

Noch pikanter: 2023 beteiligte sich der ORF mit 60.000 Euro an der Doku „Ganz Wien – 40 Jahre Donauinselfest“ — ohne dabei die redaktionelle Hoheit zu haben. Den Löwenanteil der 200.000 Euro teuren Produktion zahlte der SPÖ-nahe Verein Pro Event, der das Donauinselfest veranstaltet. Und bei der Dokumentation „Erwin Pröll von A-Z“ übernahm zunächst eine externe Produktionsfirma zwei Drittel der Kosten — und verkaufte die DVD-Lizenzrechte anschließend direkt an den niederösterreichischen Bauernbund, eine Teilorganisation der ÖVP.

ORF verweist auf Reformen — Recherchen zeigen anderes Bild

Der ORF verweist in seiner Stellungnahme darauf, dass es nach einer Compliance-Untersuchung gegen ORF-III-Programmchef Peter Schöber bereits zu Reformen gekommen sei. Doch Standard und Dunkelkammer halten dagegen: Auch danach seien „fragwürdige Kooperationspartner“ ausgewählt worden. Als Beispiel nennen sie eine neue Dokuserie mit dem Titel „Wenn Versorgung zur Ware wird“, die bei der Produktionsfirma big5comm bestellt worden sei — für unabhängige TV-Dokumentationen bisher nicht bekannt.

Der ORF erklärte, die Vergabe sei „im Sinne des Bestbieter-Prinzips“ erfolgt, Schöber sei nicht eingebunden gewesen.

Das strukturelle Problem

Was der Fall sichtbar macht, ist kein Einzelversagen — es ist ein Transparenzproblem mit System. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der mit Gebührengeldern finanziert wird, strahlt Auftragsproduktionen aus, ohne dies zu kennzeichnen. Ob das Programm dadurch inhaltlich beeinflusst wurde, lässt sich von außen kaum beurteilen. Genau das ist das Problem.

Credits: APA

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