Am 11. Juni wählt der ORF-Stiftungsrat einen neuen Generaldirektor. 13 Kandidaten stehen zur Auswahl, fünf davon stellten sich einer großen Diskussionsrunde. Alle beteuern ihre Unabhängigkeit. Und genau das macht die Sache erst interessant.
77 Bewerber, 13 Verbliebene, ein Favorit
Aus ursprünglich 77 Bewerbungen wählte die Findungskommission des ORF-Stiftungsrats 13 Kandidaten aus, die die formalen Kriterien erfüllen. Wie orf.at und horizont.at berichten, gelten fünf als echte Favoriten: APA-CEO Clemens Pig, Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Chef Markus Breitenecker, ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, Ex-HBO-Max-Manager Johannes Larcher und ORF-III-Chefin Kathrin Zierhut-Kunz. Dazu kommen unter anderem Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz und mehrere weitere Medienprofis.
Pig gilt seit Wochen als klarer Favorit — und das ist der Kern des Problems. Wie horizont.at berichtet, hat ÖVP-Bundeskanzler Stocker öffentlich Sympathie für Pig signalisiert, auch die SPÖ soll laut Insider-Informationen mit ihm leben können. Hinter den Kulissen brodelt es dennoch: Profil berichtet, dass im schwarzen Stiftungsrats-Freundeskreis Stimmen zunehmen, die Stocker die Gefolgschaft verweigern wollen.
Alle unabhängig — natürlich
In der oe24-Diskussionsrunde stellten sich fünf Kandidaten den Fragen. Der auffälligste rote Faden: Alle distanzieren sich von parteipolitischer Nähe — teils mit bemerkenswert dünner Überzeugungskraft.
Pig sagte laut oe24.at: „Es gibt weder Zusagen noch irgendwelche Personalpakete. Gerüchte über Chats mit Stiftungsräten — das muss ich klar vom Tisch wischen.“ Breitenecker räumte ein Treffen mit dem Bundeskanzler ein, betonte aber: „Es ist legitim, dass er sich für das Thema interessiert. Ich bin kein Parteikandidat.“ Zierhut-Kunz räumte eine FPÖ-Bezirksrätin-Vergangenheit ein — „aber das ist 37 Jahre her.“ Und Eva Schütz, frühere Mitarbeiterin im Kabinett von Sebastian Kurz, sagte laut oe24.at: „Die damalige Nähe zu Kurz ist unbestritten, aber er ist weder aktueller Bundeskanzler noch irgendwie aktuell tätig.“
Die Causa Weißmann hängt wie ein Schatten über allem
Der abgelöste Generaldirektor Roland Weißmann ist zwar nicht mehr im Amt, aber präsent. Alle Kandidaten wurden zu Konsequenzen aus seinem Fall befragt — Machtmissbrauch und mangelnde interne Kontrolle stehen im Raum. Breitenecker forderte laut oe24.at einen „guten Code of Conduct, lückenlose Aufklärung und Konsequenzen.“ Pig sprach von einem „Schock-Zustand“ des ORF und plädierte für eine „neue Vorwärtsstrategie“. Totzauer forderte eine unabhängige Ombudsstelle: „Da darf einfach nichts mehr in Schubladen landen.“
90 Millionen sparen — aber wie?
Der neue Generaldirektor erbt ein massives Sparpaket. Profil berichtet, dass der ORF rund 90 Millionen Euro einsparen muss. Totzauer brachte das strukturelle Problem auf den Punkt: „Es gibt kaum einen öffentlich-rechtlichen Sender, der so wenig für Programm und so viel für Verwaltung und Technik ausgibt.“ Pig plädierte für Kooperationen mit Privaten: „Kooperation scheitert meistens am Willen.“ Schütz hinterfragte das Monopol des ORF grundsätzlich und stellte die Frage, ob alle aktuellen Programme wirklich gebraucht werden.
Das eigentliche Problem: Die Politik bestimmt — und soll es laut Gesetz nicht
Erstmals schreibt das Europäische Medienfreiheitsgesetz (EMFG) dem Stiftungsrat vor, das Verfahren transparent zu gestalten. Wie horizont.at berichtet, pocht Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer auf die formelle Weisungsfreiheit der 35 Stiftungsräte. Gleichzeitig verhandeln ÖVP und SPÖ laut Horizont-Insiderinformationen bereits die vier Direktorenposten unterhalb des Generaldirektors — als wäre die Wahl längst entschieden.
Lisa Totzauer brachte das Dilemma im Diskussionsformat direkt auf den Punkt: „Es geht nicht, dass eine Partei oder eine Regierung sich aussucht, wer wo sitzt. Wir müssen diese Spirale durchbrechen.“ Die Frage ist, wer am 11. Juni den Mut hat, das tatsächlich zu tun.
Credits: Wikipedia
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