Es ist ein bemerkenswerter Moment, der in seiner Ironie kaum zu überbieten ist. Nach 16 Jahren wurde Viktor Orbán abgewählt — und was tat er? Er rief seinen Herausforderer an, gratulierte ihm, trat vor seine Anhänger und räumte, wie Euronews berichtet, die Niederlage ein: Das Ergebnis sei schmerzhaft, aber klar. Keine Panzer, keine Verhaftungen, kein Chaos. Einfach ein Mann, der ein Wahlergebnis akzeptiert.
Man sollte meinen, das sei eine Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht — zumindest nicht für jene, die Orbán seit anderthalb Jahrzehnten als den letzten Autokraten Europas gezeichnet haben, als Demokratiefeind, als Diktator im Herzen der EU. Dieselben Stimmen, die jahrelang behaupteten, in Ungarn sei freie Wahl schon strukturell unmöglich, feiern nun — mit erstaunlicher Chuzpe — den Sieg der Demokratie. Einer Demokratie, die ihrer Lesart nach gar nicht mehr existierte.
Das Narrativ und seine Grenzen
Péter Magyar ist, wie die NZZ festhält, ein echter Senkrechtstarter — erst Anfang 2024 auf der politischen Bühne aufgetaucht und nun mit seiner Tisza-Partei im Besitz einer klaren Zweidrittelmehrheit. Wie die Wahlbehörde mitteilt, gewann Tisza 138 von 199 Parlamentsmandaten mit 53,6 Prozent der Stimmen, während Fidesz auf 37,8 Prozent abstürzte. Das ist ein eindeutiges Ergebnis — und es ist, ob es den Jubelnden in Brüssel gefällt oder nicht, das Produkt eines demokratischen Prozesses.
Die Wahlbeteiligung lag, wie unter anderem der Tagesspiegel berichtet, bei knapp 80 Prozent — so hoch wie nie seit der demokratischen Wende 1989. Das ungarische Volk ist nicht unterdrückt zur Wahlurne geschleppt worden. Es ist freiwillig hingegangen, in Rekordzahl. Man darf diese Zahl ruhig sacken lassen, wenn man an die Narrative der vergangenen Jahre denkt.
Was bleibt
Orbán hat in 16 Jahren tatsächlich polarisiert — innenpolitisch wie außenpolitisch. Er war unbequem, stur, oft kalkulierend provokant. Zuletzt blockierte er, wie Euronews berichtet, im März einen vereinbarten EU-Kredit von 90 Milliarden Euro für die Ukraine. Das ist unbestreitbar.
Aber unbequem ist nicht dasselbe wie undemokratisch. Und genau hier liegt das intellektuelle Problem jener Medienmaschinerie, die aus einem politisch-konservativen Regierungschef einen Tyrannen fabriziert hat: Mit echter Tyrannei lässt sich nicht wählen. Mit echter Tyrannei verliert man keine Wahl. Und schon gar nicht gratuliert man anschließend dem Sieger.
Dass alle ihn im Wahlkampf unterstützten — von Marine Le Pen über Alice Weidel bis zu Netanyahu und Milei —, ändert nichts daran, dass sich die ungarische Bevölkerung nun klar gegen ihn ausgesprochen hat, wie die NZZ analysiert. Das ist das Votum eines souveränen Volkes. Es verdient Respekt, in alle Richtungen.
Die eigentliche Frage
Magyar steht, wie CDU-Politiker Norbert Röttgen gegenüber Table.Media betont, erst am Anfang eines schwierigen Weges. Die neue Regierung habe den gesamten Staatsapparat gegen sich — Justiz, Medien, tief verwurzelte Strukturen. Das wird kein leichter Umbau.
Die Geschichte wird zeigen, ob Magyar hält, was er verspricht. Und sie wird auch zeigen, wie die Ungarn über die Orbán-Jahre in zwanzig Jahren urteilen — jenseits von Brüsseler Pressemitteilungen und hysterischen Kommentaren in westlichen Leitmedien.
Was bleibt, ist ein unfreiwilliger Beweis: Ein Mann, dem man 16 Jahre lang sagte, er zerstöre die Demokratie, hat durch sein Verhalten in der Niederlage mehr demokratisches Rückgrat gezeigt als mancher, der sich für ihren Hüter hält.
Credits: APA
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