Eine neue Welle schockierender Anschuldigungen erschüttert die Grundfesten des SOS-Kinderdorfs – einer Organisation, die eigentlich ein sicherer Hafen für schutzbedürftige Kinder sein sollte. Nach jüngsten Medienberichten über Missbrauch in mehreren österreichischen Einrichtungen haben sich nun zwei Frauen mit beunruhigenden Aussagen über ihre Zeit im Standort Nussdorf-Debant in Osttirol in den 1990er-Jahren gemeldet. Wie das Nachrichtenportal oe24 berichtet, zeichnen ihre Schilderungen ein schreckliches Bild von systematischer Gewalt, Missbrauch und Angst.
Ein System aus Angst und Gewalt
Die beiden Frauen, die ihre Kindheit in der Einrichtung verbrachten, beschreiben ein Umfeld, das von einem „geschlossenen, patriarchalen System“ beherrscht wurde, welches ihrer Meinung nach ein Nährboden für Missbrauch war. Eine Frau, die ab 1994 zehn Jahre dort lebte, erzählte oe24 von der körperlichen Gewalt, die sie mutmaßlich durch den Dorfleiter erlitten habe – ein Mann, der in der Gemeinde hohes Ansehen genoss. „Ich war häufig betroffen. Ich galt als rebellisch, weil ich etwa meine Rechte einforderte. Immer wieder kassierte ich vom Dorfleiter eine Watsche“, erinnert sie sich. Diese Gewalttaten seien oft vor anderen Kindern verübt worden, „um ein Exempel zu statuieren.“
Die zweite Frau bestätigt diese Anschuldigungen und fügt hinzu, dass der Dorfleiter Kinder an den Ohren oder Haaren gezogen habe, wenn sie sich nicht an seine Regeln hielten. Die Gewalt sei nicht auf den Leiter beschränkt gewesen; auch einige Kinderdorf-Mütter sollen körperliche Gewalt angewendet haben. Eine der Frauen erklärte, dass sie zwar selbst nie geschlagen wurde, aber miterlebte, wie andere Kinder in ihrem Haus verprügelt wurden. „Ich glaube gespürt zu haben, dass es an ihrer Überforderung lag, dass sie Kinder geschlagen hat“, gab sie an und beschrieb ein System, in dem die Regeln des Dorfleiters ein Machtgefälle schufen, das viele zum Schweigen brachte.
Die ältere Frau berichtete zudem von Strafen wie Essensentzug und davon, dass ihr Zimmer im Winter nicht geheizt wurde.
Sexuelle Belästigung und eine Kultur des Schweigens
Über die körperliche Gewalt hinaus enthüllten die Frauen auch Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs. Die jüngere der beiden Frauen offenbarte gegenüber oe24, dass sie jahrelang von zwei älteren Jungen, sogenannten „Hausbrüdern“, sexuell belästigt wurde. Obwohl sie sich ihrer Kinderdorf-Mutter anvertraute, habe es für die Täter keine Konsequenzen gegeben.
„Bei sexueller Gewalt unter Kindern wurde weggeschaut“, bestätigte die andere Frau. Die Opfer hätten keinerlei Unterstützung erhalten und seien gezwungen gewesen, weiterhin unter einem Dach mit ihren Peinigern zu leben. Auch die mangelnde externe Kontrolle steht in der Kritik. Eine der Frauen fand später in ihrer Akte heraus, dass das zuständige Jugendamt in Innsbruck erst nach sechs Jahren einen Entwicklungsbericht anforderte und dabei anmerkte, es sei „anzunehmen, dass es dem Kind gut geht.“
SOS-Kinderdorf reagiert
In einer Reaktion auf eine Anfrage von oe24 äußerte SOS-Kinderdorf Österreich tiefes Bedauern. „Das Leid, das die jungen Menschen in der Betreuung von SOS-Kinderdorf erfahren haben, macht uns tief betroffen, und wir wollen uns aufrichtig dafür entschuldigen“, so die Organisation. Man erkenne den Mut derer an, die sich zu Wort melden, und appellierte an weitere Betroffene, die offiziellen Meldewege zu nutzen, damit jeder Fall sorgfältig geprüft werden kann.
Die Organisation versprach eine lückenlose und transparente Aufarbeitung: „Alles muss auf den Tisch, jeder einzelne Fall soll aufgeklärt werden. Nur so können wir einen echten Neuanfang gewährleisten.“
Währenddessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck aktuell in acht Misshandlungsfällen am Standort Imst, hat aber bisher keine formellen Anzeigen bezüglich der Einrichtung in Nussdorf-Debant erhalten. Die Frauen, die sich nun gemeldet haben, betonen, ihr Ziel sei nicht Rache. Eine von ihnen formulierte es eindringlich: Sie wollen „Teil einer Lösung sein“, um sicherzustellen, dass kein Kind jemals wieder so alleingelassen wird.
Credits: APA
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