Die NEOS inszenieren sich seit Jahren als Partei der Vernunft. Faktenbasiert. Evidenzgetrieben. Antipopulistisch. Wer aber die öffentlichen Auftritte führender NEOS-Politiker der vergangenen Monate genau verfolgt, stößt auf etwas anderes: eine Partei, die Behauptungen als Tatsachen verkauft – und darauf setzt, dass niemand nachfragt.
Fall eins: Brandstätter bei ServusTV – eine Stunde, null Belege
EU-Abgeordneter Helmut Brandstätter war zu Gast in der ServusTV-Sendung „Talk im Hangar-7″ – und lieferte laut unzensuriert.at eine Vorstellung, die selbst Moderator Michael Fleischhacker mehrfach zum Eingreifen zwang. Brandstätter behauptete unter anderem, Deutschland versorge sich zu 31 Prozent mit Windstrom. Fleischhacker stoppte ihn trocken: „Herr Brandstätter, das kann nicht stimmen.“ Der NEOS-Mann sah sich daraufhin um, als würde hinter ihm irgendwo ein Zettel mit den richtigen Zahlen hängen.
Schwerer wog inhaltlich die unbelegte Dauerthese des Abends: Russland werde Europa angreifen. Geheimdienstberichte? Keine. Zitierbare Studien? Keine. Nachprüfbare Quellen? Keine. Nur Emphase und der Gestus des Eingeweihten. Wie unzensuriert.at dokumentiert, kommentierten andere Gäste seine Aussagen wiederholt mit Kopfschütteln und dem Wort „unglaublich“. Dass die Frage einer möglichen russischen Bedrohung legitim diskutierbar ist – infosperber.ch zeigt, dass Militärexperten sie ernsthaft debattieren – macht Brandstätters Auftreten nicht besser. Eine ernsthafte Debatte braucht Quellen. Was Brandstätter lieferte, waren Behauptungen.
Fall zwei: Die 54 Prozent, die sich nicht finden lassen
Auf der offiziellen NEOS-Facebook-Seite postete das Partei-Team als Kommentar unter einem Beitrag zur Pensionsalter-Forderung von Parteichefin Meinl-Reisinger: „Es gab eine Eurobarometer-Umfrage aus dem Herbst 2025, die ergeben hat, dass sich 54 % der Bevölkerung ein höheres Pensionsantrittsalter vorstellen können.“ Anlass war die Gegenfrage zahlreicher Nutzer, welche Mehrheit damit gemeint sei – die NEOS hatten zuvor geschrieben: „Auch eine Mehrheit der Bevölkerung ist dafür.“
Klingt nach solider Datenlage. Ist es nicht. Wie exxtra24.at recherchierte, enthält der Standard-Eurobarometer 104 aus Herbst 2025 – die einschlägige Ausgabe für diesen Zeitraum – keine österreichspezifische Frage zu einem höheren Pensionsantrittsalter, die öffentlich einsehbar wäre. Auch eine EIOPA-Eurobarometer-Erhebung aus Mai 2025 zu Pensionsthemen enthält diesen Wert nicht. Die Eurobarometer-Datenbank der EU-Kommission ist öffentlich zugänglich – die Zahl findet sich dort schlicht nicht.
Dazu kommt das methodische Problem: „Können Sie sich ein höheres Pensionsantrittsalter vorstellen?“ ist eine völlig andere Frage als „Befürworten Sie eine gesetzliche Anhebung?“ – und erzeugt strukturell höhere Zustimmungswerte. Was bekannte Erhebungen tatsächlich zeigen, ist ernüchternd für die NEOS-These: Laut einer Market-Umfrage für die APA aus Jänner 2026 sprachen sich nur 27 Prozent der Befragten für eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters aus – 70 Prozent waren dagegen. Das ist nicht ein anderes Ergebnis. Das ist das genaue Gegenteil.
Fall drei: Meinl-Reisinger und die Neutralitäts-Mehrheit
In einem Facebook-Video mit mehr als 35.000 Aufrufen erklärte Außenministerin Meinl-Reisinger, Europa brauche gemeinsame Verteidigungsfähigkeit – und fügte an: „Das sieht übrigens mittlerweile eine Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher auch genau so.“ Keine Umfrage genannt, keine Studie, keine Quelle. Einfach so behauptet.
Die verfügbaren Daten sagen das Gegenteil. Wie das Parlament Österreich unter Berufung auf das „Austrian Foreign Policy Panel Project“ der Universität Innsbruck berichtet, sehen 80 Prozent der Bevölkerung die Neutralität als Teil der nationalen Identität. Laut einer Hajek-Umfrage vom Oktober 2025, über die vienna.at berichtete, wollen 96 Prozent zumindest teilweise an der Neutralität festhalten – nur 9 Prozent würden sie gänzlich aufgeben. Auch die NZZ hielt in ihrer Analyse fest, dass Neutralität für die Österreicher „eine Art Nationalheiligtum darstellt.“ Von einer Mehrheit für Meinl-Reisingers Kurs findet sich in keiner dieser Erhebungen eine Spur.
Das Muster: Kühnheit statt Belege
Drei Fälle, drei unbelegte Behauptungen, dreimal kein Korrektiv aus den eigenen Reihen. Das Muster ist immer dasselbe: Eine These wird mit dem Verweis auf angebliche Mehrheitsmeinungen, drohende Gefahren oder externe Studien untermauert – ohne dass diese Untermauerung nachprüfbar wäre. Und weil die Thesen politisch plausibel klingen, hinterfragt sie kaum jemand ernsthaft.
Das ist besonders pikant bei einer Partei, die auf ihrer Website verspricht: „Wir wollen eine evidenzbasierte Politik, die auf Fakten und nicht auf Bauchgefühl beruht.“ Drei Fälle legen nahe: Das Versprechen gilt offenbar nur dann, wenn niemand genau hinschaut.
Credits: APA
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