„Glück in der Geburtslotterie“: Van der Bellen mahnt bei Festspiel-Eröffnung zu Zusammenhalt

„Glück in der Geburtslotterie“: Van der Bellen mahnt bei Festspiel-Eröffnung zu Zusammenhalt

Statt unverbindlicher Festtagsworte lieferte Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele eine unverkennbar politische Rede. Sein Thema. der Begriff „Heimat“ – und wie gefährlich es wird, wenn er missbraucht wird.

Eine Rede mit persönlichem Auftakt

Der Bundespräsident knüpfte seine Rede zunächst an die vorangegangenen Worte der belarussischen Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikava an, die sich friedlich für mehr Demokratie in ihrem Heimatland eingesetzt hatte und dafür jahrelang inhaftiert war, wie Nachrichten.at aus der Rede zitiert. Sie sei zwar mittlerweile freigekommen, könne aber nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, sondern lebe nun in Westeuropa, wie Heute.at ergänzt.

Die eigene Migrationsgeschichte als Ausgangspunkt

Von dort aus schlug Van der Bellen den Bogen zu seiner eigenen Familiengeschichte. „Ich selbst denke in letzter Zeit auch wieder mehr über Migration und den Begriff ‚Heimat‘ nach“, erklärte der Bundespräsident laut oe24.at. Seine eigene Familiengeschichte sei seit 300 Jahren eine Geschichte von Migration: Er selbst wurde 1944 in Wien geboren, seine Eltern – eine Estin und ein Russe – mussten aus dem heutigen Estland emigrieren und landeten schließlich im Tiroler Kaunertal, wo er aufwuchs. Besonders bewegend wurde es, als Van der Bellen einen Satz auf Tirolerisch zitierte, den ihm der frühere Kaunertaler Bürgermeister Pepi Raich einst gesagt hatte: „Bist als Flüchtlingskind gekommen, und jetzt, jetzt bist einer von uns“ – in der sinngemäßen Übersetzung, wie Heute.at berichtet. „Sie können sich kaum vorstellen, wie bewegend dieser Satz auch heute noch für mich ist“, so der Bundespräsident.

Warnung vor dem Missbrauch des Heimatbegriffs

Trotz dieser persönlichen Verbundenheit mit dem Wort warnte Van der Bellen eindringlich davor, wie mit dem Begriff „Heimat“ umgegangen wird. Damit werde „viel gefährlicher Blödsinn getrieben“, weil der „so hehre und wichtige Begriff politisch missbraucht“ werde – „und das gefällt mir nicht“, zitiert oe24.at den Bundespräsidenten. Heimat sei zunächst einmal „Glück in der Geburtslotterie“: In der EU habe man den Jackpot geknackt, weil man auf einem freien, demokratischen und wohlhabenden Kontinent lebe. Das sei historisch aber keineswegs selbstverständlich gewesen – Van der Bellen erinnerte an die „völkische Idee“, die Menschen in den Wahn getrieben habe, es gäbe so etwas wie einen „Volkskörper“, den man „rein“ halten müsse. Daraus leitete er einen deutlichen Appell ab: „Wenn wir möchten, dass Hass, Mord und Vernichtung nie wieder geschehen in Europa, dann müssen wir zusammenarbeiten.“

Ein Plädoyer für den Kompromiss

Zusammenarbeit bedeute für den Bundespräsidenten vor allem, Kompromisse zu finden. „Das Innenleben jeder funktionierenden, freien, liberalen Demokratie besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen“, sagte Van der Bellen laut VOL.AT. Wer das kleinrede, „missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat“. Heimat könne aber nur für einen da sein, „wenn wir für sie da sind“ – konkret bedeute das, dass alle, die diese Heimat teilten, auch die gemeinsamen Grundregeln einhalten müssten. Zugleich mahnte er, dass man auch „nach außen“ für die eigene Heimat einstehen müsse, denn „Europa und der europäische Zusammenhalt werden gerade getestet“.

Schlussappell zum Klimaschutz

Zum Abschluss seiner Rede wandte sich Van der Bellen einem völlig anderen Thema zu: dem Klimaschutz. „Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius“, warnte er laut oe24.at. Man müsse aufhören, darüber zu streiten, „ob wir uns die Klimakrise einbilden oder nicht“ oder „ob Windräder schick aussehen oder nicht“. Sein Fazit: „Gehen wir nach vorn. Packen wir’s an. Für unsere Heimat.“

Rahmen der Eröffnung

Die Festspiel-Eröffnung selbst dauerte laut VOL.AT knapp zwei Stunden und endete mit den Worten „Die Salzburger Festspiele sind eröffnet“. Van der Bellen sprach dabei gemeinsam mit weiteren Rednerinnen und Rednern, darunter Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Bundeskanzler Andreas Babler, der in seinen Grußworten betonte, das heurige Festspielprogramm stelle „der kalten Vernunft die Macht des Herzens“ gegenüber. Am Sonntagabend stand im Anschluss die Premiere von Bizets „Carmen“ auf dem Programm.

Credits: Peter Lechner, HBF

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x