Mythos Militärmacht: Experte bremst Russland-Panik im Westen

Mythos Militärmacht: Experte bremst Russland-Panik im Westen

Die Warnungen vor einem baldigen russischen Angriff auf ein NATO-Land haben in den vergangenen Monaten Hochkonjunktur. Historiker und Russland-Experte Mattias Uhl hält dagegen – mit wissenschaftlicher Nüchternheit. Und wirft dem Westen vor, Moskaus Stärke systematisch zu überschätzen.

Uhl: Russland ist keine „zweitstärkste Armee“ der Welt

Wie das Handelsblatt unter Berufung auf die Deutsche Presse-Agentur berichtet, hält Historiker Mattias Uhl die Warnungen von Bundespolitikern und Sicherheitsexperten vor einem baldigen russischen Angriff auf Deutschland oder ein anderes NATO-Land für „überzogen“. Uhl lebte 20 Jahre in Russland und war am Deutschen Historischen Institut in Moskau tätig – das inzwischen von Russland für „unerwünscht“ erklärt wurde. In seinem Buch „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“ (Herder) warnt er vor einem für den Westen „fatalen Rüstungswettlauf“.

Sein Kernsatz laut Handelsblatt: „Es wäre unklug, jenen Experten Beachtung zu schenken, die zu Dramatisierungen neigen, ohne das Potenzial Russlands wirklich zu kennen.“ Das westliche Bild von Russland beruhe nicht selten auf „Fehlwahrnehmungen oder Mythen“. Zahlreiche Experten seien der russischen Propaganda von der „zweitstärksten Armee“ der Welt erlegen. Die Folge: eine Überschätzung russischer Fähigkeiten – „und die Gefahr, in eine fatale Rüstungsspirale zu geraten, die der NATO keine Vorteile in der Auseinandersetzung mit Russland bringt.“

Kalter Krieg als Lehrstunde: „Weniger ist mehr“

Wie das Handelsblatt weiter berichtet, verweist Uhl auf den Kalten Krieg als historisches Vorbild. Damals habe sich das bloße Anhäufen von Panzern und Flugzeugen nicht ausgezahlt. Vielmehr habe die NATO mit einer „Weniger ist mehr“-Strategie sowie technologischem Fortschritt und Präzision gepunktet. Uhls Fazit: „Europa und die USA haben gerade deshalb den Kalten Krieg gewonnen, weil sie ihre Länder eben nicht in Militärlager verwandelten.“ Es sei dem Westen bereits einmal gelungen, „die Sowjetunion beziehungsweise Russland ohne einen Schuss zu Fall zu bringen.“ Auch heute gelte: Die NATO sei „ein schlafender Bär, an dem Russland allenfalls sanft knabbern kann.“

2028, 2029 – unrealistisch

Aussagen, dass Russland schon 2028 oder 2029 ein NATO-Land überfallen könne, hält Uhl laut Handelsblatt für „nicht realistisch“. Kremlchef Wladimir Putin hatte solche Vorwürfe selbst mehrfach als „Unsinn“ bezeichnet. Zur Abschreckung empfiehlt Uhl weitreichende Präzisionswaffen wie Raketen und Weiterentwicklungen des Taurus-Marschflugkörpers – gezielte Stärke statt pauschaler Aufrüstung. Damit könnten im Ernstfall, wie Handelsblatt berichtet, „zielgenau russische Militärbasen, Flugplätze, Depots und Kommandobunker vernichtet werden.“ Die eigentliche Frage, die Uhls Analyse aufwirft, ist daher keine militärische, sondern eine politische: Wie viel Aufrüstung braucht Europa – und ab wann wird sie kontraproduktiv?

Credits: APA

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