Mehr Abschiebungen als Asylanträge: Österreich zieht Bilanz – mit einer wichtigen Einschränkung

Mehr Abschiebungen als Asylanträge: Österreich zieht Bilanz – mit einer wichtigen Einschränkung

Österreich hat sich erneut an einer europaweiten Abschiebeaktion beteiligt. Gleichzeitig präsentiert Innenminister Karner eine Zahl, die er als historischen Wendepunkt bezeichnet – die aber einer näheren Betrachtung bedarf.

Frontex-Flug in der Nacht auf Mittwoch

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hob ein Charterflug im Rahmen einer Frontex-Operation ab, wie heute.at berichtet. An Bord befanden sich insgesamt 35 Personen, die nach Nigeria und Ghana abgeschoben wurden. Neben Österreich waren auch Deutschland, Spanien und Italien an der Operation beteiligt. Aus Österreich befanden sich sechs nigerianische Staatsangehörige an Bord – fünf Männer und eine Frau. Bei drei von ihnen lagen strafrechtliche Verurteilungen vor, darunter schwere Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Delikte nach dem Suchtmittelgesetz.

Die Zahlen hinter der Schlagzeile

Das Treffen ordnet sich in eine größere Entwicklung ein, die Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) als Meilenstein bezeichnet. Wie die Innenministeriums-Aussendung via OTS dokumentiert, wurden von Jänner bis März 2026 insgesamt 3.575 Personen außer Landes gebracht – davon 1.882 (53 Prozent) zwangsweise und 1.693 (47 Prozent) eigenständig. Dem stehen laut BFA-Statistik 1.074 Asylerstanträge im selben Zeitraum gegenüber. „Pro Tag müssen 40 illegal Aufhältige Österreich verlassen. Das bedeutet mehr Abschiebungen als neue Asylanträge im ersten Quartal“, so Karner. Fast 46 Prozent der zwangsweise Abgeschobenen seien zuvor strafrechtlich verurteilt worden.

Im Jahresvergleich: Im gesamten Jahr 2025 wurden laut einer OTS-Aussendung der ÖVP gut 14.200 Personen außer Landes gebracht – ein historischer Höchststand, der laut ÖVP-Generalsekretär Marchetti sogar die Zahlen aus Kickls Innenministerzeit 2018 (rund 12.600) übertrifft.

Was der Vergleich verschweigt

Hinter der plakativen Gegenüberstellung steckt allerdings ein methodischer Schwachpunkt, den das Faktencheck-Portal moment.at bereits im März dokumentiert hat: Die Zahl der Abschiebungen betrifft alle „Fremden“ in Österreich – also sämtliche Nicht-Österreicher ohne gültigen Aufenthaltstitel, darunter ehemalige Asylwerber mit abgelehnten Bescheiden, Migranten in Dublin-Verfahren, ausgewiesene EU-Bürger und viele andere Gruppen. Die Asylerstanträge hingegen beziehen sich ausschließlich auf Personen, die erstmals einen Asylantrag stellen. Beide Zahlen erfassen also unterschiedliche Personengruppen und sind nur bedingt miteinander vergleichbar. Hinzu kommt: Die Asylantragszahlen sind derzeit auf einem historisch niedrigen Niveau – laut BFA-Statistik gab es seit 2012 nur in fünf Monaten weniger Erstanträge als im Jänner 2026, drei davon fielen in den Corona-Lockdown.

Karner: „Absolut richtige Richtung“

Trotz dieser methodischen Einschränkung sieht Innenminister Karner den Kurs klar bestätigt, wie heute.at berichtet: „Illegale Migration werden wir weiter ganz konsequent reduzieren. Die Entwicklung geht in die absolut richtige Richtung. Erstmals gibt es mehr Abschiebungen als neue Asylanträge. Diesen Weg werden wir fortsetzen.“

EINORDNUNG DER REDAKTION
Die politische Botschaft hinter Karners Zahlen ist klar und folgt einer bekannten Kommunikationsstrategie: Abschiebungen werden den Asylanträgen gegenübergestellt, um eine „Trendwende“ zu illustrieren. Dass dabei zwei unterschiedliche Personengruppen verglichen werden, ändert nichts an der realen Entwicklung – Abschiebungen steigen tatsächlich, Asylanträge sinken tatsächlich. Die Verbindung beider Trends zu einem einzigen Vergleichswert ist aber mehr politisches Signal als statistisch saubere Kennzahl, wie der verfügbare Faktencheck zeigt. Für die Öffentlichkeit ist deshalb wichtig zu wissen: Der Rückgang bei den Asylanträgen hat begonnen, bevor die aktuelle Regierung ihr Amt antrat, und die Steigerung bei den Abschiebungen setzt einen Trend fort, der bereits unter Karner in der letzten Legislaturperiode begann.

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