Am 3. Juni war Sebastian Kurz zwei Stunden lang im Büro von Herbert Kickl im Parlament. Beide schweigen offiziell. Die Spekulationen, was dahintersteckt, brodeln seither in Wien.
Der Abend, der alles ins Rollen brachte
Es war Mittwoch, der 3. Juni, 19 Uhr. Sebastian Kurz betrat das Parlament – und verschwand nicht in Richtung ÖVP-Klub, sondern in das Büro von FPÖ-Chef Herbert Kickl, wo er laut profil zwei Stunden verbrachte. ÖVP-Mitarbeiter, die Kurz im Gang erkannt hatten, rätseln seither, was der frühere Kanzler dort wollte. Das Treffen sei, so schildert es oe24, „bewusst so angelegt“ gewesen, dass zunächst die ÖVP, dann die FPÖ und schließlich die Öffentlichkeit davon erfahren sollten – ein gezielt undiskretes „Geheimtreffen“, wie oe24 formuliert.
Was Kickl seinem Klub berichtet haben soll
Laut profil berichtete Kickl anschließend seinem Parlamentsklub, dass Kurz sich bei ihm entschuldigt habe – oder präziser formuliert: Kurz habe laut Kickl eingestanden, „damals eine falsche Entscheidung aufgrund falscher Annahmen getroffen zu haben.“ Gemeint ist die Entlassung Kickls als Innenminister im Mai 2019 nach dem Bekanntwerden des Ibiza-Videos, die Kurz als damaliger Bundeskanzler gegenüber Bundespräsident Van der Bellen betrieben hatte. Offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht: Aus Kickls Büro hieß es auf früheren Anfragen, allfälliges Hörensagen zu Treffen mit Kurz beruhe auf Falschinformationen. Auch Kurz dementierte über seinen Sprecher. Diese Dementi-Tradition gilt auch für das aktuelle Treffen, wie oe24 berichtet.
Comeback, neue Partei oder EU-Karriere?
Rund um den Besuch kursieren in Wien mehrere Szenarien, wie oe24 schildert. Eines davon: Kurz könnte 2028 eine eigene politische Liste gründen und dabei auf Zusammenarbeit mit der FPÖ setzen. Bereits Anfang Jänner hatte oe24 von einer erstarkten Achse zwischen Kurz und Kickl berichtet. In ÖVP-Kreisen wird laut oe24 zudem gemunkelt, Kurz könnte an der Nachfolge von Ursula von der Leyen an der EU-Spitze interessiert sein und bei Kickl ausgelotet haben, ob die rechtspopulistische EU-Fraktion „Patrioten“ für eine solche Kandidatur Unterstützung bieten würde. Ein weiteres Szenario aus ÖVP-Insider-Kreisen: Kurz hätte 2025 für ein Comeback zur Verfügung gestanden und wäre Anfang 2026 sogar bereit gewesen, Vizekanzler unter Kickl zu werden – mit dem Kalkül, als Außenminister den FPÖ-Chef zu überstrahlen.
Alle diese Szenarien beruhen auf Insider-Berichten und sind weder von Kurz noch von Kickl bestätigt.
Was das Treffen mit Sicherheit bewirkt hat
Unabhängig davon, welches Motiv hinter dem Besuch steckt, zeigt der Ausgang deutlich: In der ÖVP ist laut oe24 die „Irritation über Kurz immer größer“, in der FPÖ ist man erfreut. Für Kickl ist das Erscheinen seines früheren politischen Erzfeindes im eigenen Büro ein symbolischer Sieg – unabhängig von Inhalt und Absicht. Und oe24 vermutet, dass genau das Kurz bewusst war, als er den Parlamentseingang betrat.
EINORDUNG DER REDAKTION
Der Artikel ist nicht als belegte Faktenlage einzuordnen. Was sich unabhängig verifizieren lässt: Das Treffen am 3. Juni fand statt – profil und SN.at haben das bestätigt. Was Kickl seinem Klub danach berichtet haben soll, stammt aus der profil-Berichterstattung. Alles, was darüber hinausgeht – mögliche Neuwahl-Pläne, EU-Ambitionen, eine neue Liste Kurz oder ein blau-türkiser Pakt – ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation. Kurz ist ein erfahrener Medienstratege, der weiß, dass ein Besuch im FPÖ-Büro des Parlaments Wellen schlägt. Ob er das als politisches Signal, zur Imagepflege oder mit konkreter inhaltlicher Absicht getan hat, wissen derzeit wohl nur er und Kickl selbst.
Credits: Parlamentsdirektion / Thomas Topf
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