Marchetti redet, Lederer tobt: Die ORF-Wahl wird zum Politikum

Marchetti redet, Lederer tobt: Die ORF-Wahl wird zum Politikum

Morgen, am 11. Juni, wählt der ORF-Stiftungsrat einen neuen Generaldirektor. Das Verfahren war transparent und offen angelegt — doch wer die letzten Wochen verfolgt hat, zweifelt daran, ob der Ausgang wirklich offen ist.

Ein Satz, der alles ins Rollen brachte

Es war ein Interview in der Presse, das den Stein ins Rollen brachte. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti sagte, wie APA berichtet, über APA-Chef Clemens Pig: „Er ist definitiv ein Profi und ich würde mich freuen, wenn er sich bewirbt.“ Zuvor hatte er bereits klargestellt: „Der Generaldirektor muss von außen kommen, unbelastet von all diesen Verstrickungen und Intrigen.“ Die Botschaft war unmissverständlich — und politisch brisant, weil zu diesem Zeitpunkt die Bewerbungsfrist noch lief und das Auswahlverfahren formal gerade erst begonnen hatte.

Der Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer reagierte prompt. Gegenüber der APA stellte er klar: „Ich weise Zurufe zurück. Wir entscheiden frei im Stiftungsrat und werden uns in Hearings unser eigenes Bild machen.“ Eine schärfere Distanzierung ist im politischen Betrieb kaum möglich.

Mattle legt nach — und rudert zurück

Für zusätzliche Aufregung sorgte Tirols Landeshauptmann Anton Mattle. Er erklärte laut news.at öffentlich, die Entscheidung über den künftigen ORF-Chef sei „im Endeffekt auch eine Entscheidung des Bundeskanzlers“ — eine Aussage, die dem Prinzip der Unabhängigkeit des Stiftungsrats frontal widersprach. In der ZiB 2 ruderte Mattle zurück und präzisierte, er habe damit lediglich die Zuständigkeit des Bundes gemeint. Den Eindruck, den die Aussage hinterlassen hatte, konnte er damit kaum mehr korrigieren.

Ein Bärendienst — auch für Pig selbst

Was ÖVP-intern als Unterstützung gedacht war, entwickelte sich laut news.at zum Bärendienst für den Kandidaten selbst. Das öffentlich bekundete Wohlwollen von Marchetti und Kanzler Stocker heftete Pig das Etikett des Parteidefavoriten an — genau jenes Gift, das einen als unabhängig geltenden Kandidaten am wirksamsten beschädigt. Pig habe deshalb laut news.at mit seiner offiziellen Bewerbung bewusst gezögert. Für Mitbewerber Markus Breitenecker wiederum war die Inszenierung eines „ausgemachten Spiels“ der stärkste Schub zur eigenen Kandidatur.

Koalition verhandelt Direktoren — neben dem Verfahren

Was die Causa vollends zu einem politischen Lehrstück macht: Wie ceiberweiber.at unter Berufung auf Insiderinformationen berichtet, haben ÖVP und SPÖ intern bereits vereinbart, dass der Generaldirektor der ÖVP „zusteht“ und der Stiftungsratsvorsitz der SPÖ — und die vier Direktorenposten unter den Koalitionsparteien aufgeteilt werden. news.at-Kolumnist Alexander Kern formulierte es direkt: „Der Stiftungsrat wirkt in diesem Prozedere weniger wie ein unabhängiges Entscheidungsgremium als wie ein Organ, das politische Präferenzen verwaltet.“

Was morgen passiert

Am 8. Juni fand das öffentliche Hearing mit allen 13 Kandidaten statt. Morgen, am 11. Juni, entscheiden die 35 Stiftungsräte. Laut der neuen Geschäftsordnung müssen sie ihre Wahl schriftlich begründen — eine Neuerung, die zumindest auf dem Papier Transparenz schafft. Ob das reicht, um das Vertrauen zurückzugewinnen, das das Verfahren in den letzten Wochen verloren hat, ist eine andere Frage.

Credits: Wikipedia

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