Die Spannungen an der Spitze der EU eskalieren. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas wirft Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen laut einem Medienbericht autoritäres Führungsverhalten vor.
„Diktatorin“ – scharfe Kritik hinter verschlossenen Türen
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in internen Gesprächen als „Diktatorin“, wie Politico am Montag berichtete. Ein hochrangiger EU-Beamter wird laut dem US-Nachrichtenportal mit den Worten zitiert, Kallas beklage sich privat über den Führungsstil von der Leyens, habe dem aber „wenig oder nichts entgegenzusetzen“.
Der ungewöhnlich scharfe Vorwurf ist Ausdruck eines seit Monaten eskalierenden Machtkampfs an der Spitze der EU. Beobachter sprechen laut Berliner Zeitung von den schlechtesten Beziehungen zwischen einer Kommissionspräsidentin und der EU-Außenbeauftragten seit Schaffung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) im Jahr 2010.
Schlechter als unter Borrell
Bereits Kallas‘ Vorgänger Josep Borrell hatte ein angespanntes Verhältnis zu von der Leyen. Doch nach Angaben mehrerer EU-Insider gegenüber Politico sei die Lage nun „noch schlechter“. Konkret geht es um Kompetenzen und institutionellen Einfluss.
Systematischer Kompetenzentzug
So entzog die Kommission Kallas im vergangenen Jahr die Zuständigkeit für den Mittelmeerraum und schuf stattdessen eine neue Generaldirektion für Nahost, Nordafrika und den Golf (DG MENA), die direkt der Kommission unterstellt ist, berichtet RT DE. Parallel dazu arbeitet die Kommission an einer Verkleinerung des EAD.
Gescheiterter Personalcoup
Als Gegenmaßnahme versuchte Kallas, mit Martin Selmayr – dem früheren Kabinettschef von Jean-Claude Juncker – einen mächtigen Stellvertreter an die Spitze des Auswärtigen Dienstes zu holen. Der Vorstoß scheiterte jedoch am Widerstand aus dem Büro von Ursula von der Leyen, wie die Weltwoche berichtete.
Von der Leyen reagierte mit einem Schachzug: Die Kommission schuf kurzfristig einen neuen Posten – „Beauftragter für Religionsfreiheit“ – und bot ihn Selmayr an, berichtet die Weltwoche weiter. Damit wurde er dem Zugriff des EAD entzogen und zugleich zurück in den Einflussbereich der Kommission geholt. Für Kallas bedeutete dies eine klare Niederlage.
Streit um EU-Geheimdienst
Öffentlich sichtbar wurde der Konflikt zuletzt im Herbst 2025. Damals widersprach Kallas von der Leyens Plänen zum Aufbau eines EU-eigenen Nachrichtendienstes, der Informationen der nationalen Geheimdienste bündeln soll, wie die Berliner Zeitung berichtete.
Offiziell begründete Kallas ihre Ablehnung mit Haushalts- und Effizienzfragen. Hinter den Kulissen ging es jedoch vor allem um Machtfragen, wie EU-Diplomaten erklärten. Kallas argumentierte laut Berliner Zeitung, das bereits existierende europäische Informations- und Lagezentrum (Intcen), das dem Auswärtigen Dienst untersteht, erfülle diese Aufgaben bereits.
Strukturell schwache Position
Politico verweist auf Kallas‘ strukturell schwache Position: Sie stammt aus dem kleinen EU-Mitgliedstaat Estland, ihre liberale Partei verfügt über begrenzten Einfluss im europäischen Machtgefüge. Das mache sie politisch verwundbarer als etwa ihren sozialdemokratischen Vorgänger aus Spanien.
Kritik an von der Leyens Führungsstil
Die Kritik an von der Leyens Führungsstil ist nicht neu. Vor ihrem Ausscheiden als EU-Ombudsfrau im Februar 2025 hatte Emily O’Reilly schwere Vorwürfe gegen die Kommissionspräsidentin erhoben, wie die Berliner Zeitung berichtet. In einem Interview mit Politico kritisierte sie eine wachsende Intransparenz und sprach von einem mafiösen Netzwerk nicht gewählter Technokraten, das die Geschicke der EU lenke.
Von der Leyen übersteht Misstrauensvotum
Erst am 22. Januar überstand von der Leyen ein viertes Misstrauensvotum im EU-Parlament, wie Euronews berichtete. 390 Abgeordnete stimmten gegen die von der rechtsextremen Fraktion „Patrioten für Europa“ eingereichte Resolution, 165 dafür, 10 enthielten sich. Die Initiative war bereits die vierte innerhalb von sieben Monaten gegen die Kommissionspräsidentin.
Quellen:
- Politico: Originalbericht über Kallas‘ Aussagen (26. Januar 2026)
- Berliner Zeitung: „Kaja Kallas nennt Ursula von der Leyen intern ‚Diktatorin'“
- RT DE: „Machtkampf in Brüssel spitzt sich zu: Kallas nennt von der Leyen ‚Diktatorin'“
- Weltwoche: „Machtkampf um Brüssels Aussenpolitik: Ursula von der Leyen setzt sich gegen Kaja Kallas durch“
- Euronews: „European Parliament backs von der Leyen despite clash over Mercosur deal“
- TASS: „EU diplomacy chief considers von der Leyen dictator“
- Sputnik: „Top EU Officials Bemoan von der Leyen’s ‚Dictator-Style‘ Leadership“
Credits: APA
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