Linke Medien entdecken den christlichen Terror. Europol sucht ihn noch

Linke Medien entdecken den christlichen Terror. Europol sucht ihn noch

Österreich hat ein neues Sicherheitsproblem, und es trägt Kutte. Vergangene Woche warnten zwei Theologinnen bei einem Mediengespräch vor der “christlichen Rechten”. Der “Standard” machte daraus eine Schlagzeile mit “Gottesstaat” und “Tod für Häretiker”, das Moment-Magazin des Momentum Instituts legte ein langes Interview nach. Der Tenor: Während alle Welt über Islamismus redet, rüstet sich im Wienerwald still und heimlich der Integralismus. Wer das liest, schaut beim nächsten Pfarrfest unwillkürlich zweimal hin, wenn der Mesner den Grill anwirft.

Ein Mönch und sein Blog

Die Figuren, um die es geht, sind tatsächlich schräg. Der Mönch Edmund Waldstein, früher Dozent in Heiligenkreuz, hat laut Moment in Blogbeiträgen einen katholischen Gottesstaat gefordert und die Todesstrafe für Häretiker für legitim erklärt. Das ist widerwärtig, das Stift hat sich zu Recht distanziert. Dazu kommen eine Tagung in Trumau vor 14 Jahren und ein paar Vereine, die sich “Akademie” nennen. Das ergibt ein ordentliches Seminarthema. Für eine Gefahr, die man in einem Atemzug mit dem Dschihadismus nennen will, ist es erstaunlich dünn.

Was Europol zählt

Wo in Europa tatsächlich gebombt und gestochen wird, muss man nicht erraten. Europol zählt es jedes Jahr. Für 2025 meldeten die EU-Staaten 45 Anschläge, vollendete, gescheiterte und vereitelte zusammengerechnet. 24 davon gehen auf Dschihadisten zurück, mit fünf Toten und 81 Verletzten. Dem Rechtsterrorismus, in dessen Schublade auch ein christlicher Fanatiker landen würde, rechnet Europol fünf Anschläge zu. Eine eigene Rubrik für Terror im Namen des Kreuzes gibt es im Bericht gar nicht, es fehlen schlicht die Fälle dafür. Bemerkenswert ist eine andere Zahl, die in der Debatte über Frankreich und Italien gerade wenig Beachtung findet: Linksextremisten und Anarchisten kamen auf zwölf Anschläge. Und 71 Prozent aller Terror-Festnahmen in der EU betrafen Dschihadisten, mehr als hundert davon waren höchstens 18 Jahre alt. Radikalisiert wird die Jugend offenbar eher auf TikTok als in der Ministrantenstunde.

Was der Verfassungsschutz sagt

In Österreich sieht es nicht anders aus. Der Verfassungsschutzbericht 2025 nennt den islamistischen Extremismus wörtlich “die größte Bedrohung für die innere Sicherheit Österreichs”. Die islamistischen Tathandlungen stiegen um 42 Prozent auf 306. Zahlenmäßig mehr gibt es im Rechtsextremismus, 1.986, wobei die Hälfte davon Delikte nach dem Verbotsgesetz sind, meist Wiederbetätigung im Internet. Gottesstaat-Planspiele tauchen in dem Bericht kein einziges Mal auf. Wer an Terror in Österreich denkt, denkt an die Wiener Innenstadt im November 2020 mit vier Toten, an Villach im Februar 2025, wo ein 14-Jähriger erstochen wurde, und an die abgesagten Taylor-Swift-Konzerte. Ein Integralist mit Lateinkenntnissen war bei keinem davon beteiligt.

Geschichte nach Wunsch

Richtig unterhaltsam wird das Moment-Interview, wenn es um Ursachen geht. Kritik am politischen Islam sei “Teil der radikal christlichen Agenda”, sagt die Theologin. Die ÖVP spiele mit dem Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 den Radikalen “in die Hände”. Und dann folgt der Satz, für den sich die Lektüre lohnt: Im Islam habe es historisch “eine Offenheit gegenüber Homosexualität” gegeben, die Homophobie sei “erst durch die Auseinandersetzung mit christlichen Kräften aus dem Westen” entstanden. In Teheran und Riad, wo auf Homosexualität bis heute die Todesstrafe steht, wird man das sicher gerne hören. Endlich weiß man dort, wem man die eigenen Gesetze zu verdanken hat.

Der Löffel und der Tunnel

“Alles, was man mit dem Islam machen kann, kann man auch mit dem Christentum machen”, lautet der Schlüsselsatz des Interviews. Das stimmt in etwa so, wie man mit einem Teelöffel einen Tunnel graben kann. Möglich wäre es. Getan wird es woanders. Wer christliche Sektierer und Dschihadisten auf dieselbe Waagschale legt, verschiebt die Gewichte. Und wer künftig vor dem politischen Islam warnt, darf sich auf die Gegenfrage einstellen, ob er nicht eigentlich insgeheim vom katholischen Gottesstaat träumt.

Prioritäten aus dem Innenministerium

Vor Leuten wie Waldstein zu warnen, ist legitim. Wer Ketzer hinrichten will, verdient Widerspruch, laut und deutlich. Aber die Verhältnisse sollten stimmen. Die Beamten, die in Österreich täglich Anschläge verhindern, führen eine sehr klare Liste, wovor sie sich fürchten. Den Gottesstaat aus Heiligenkreuz sucht man darauf vergeblich. Vielleicht sollte man die Theologinnen einmal zu einer Lagebesprechung der DSN einladen. Danach wäre die nächste Pressekonferenz vermutlich etwas kürzer.

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