Manfred Mertel soll für die SPÖ Klagenfurt das Bürgermeisteramt holen. Beim Kärntner Fußballverband hat es mit dem Präsidentensessel nicht geklappt. Jetzt versucht er es auf einem anderen Spielfeld. Die Partei nennt das Aufbruch. Die Konkurrenz setzt auf eine neue Generation – und schickt vorsorglich gute Wünsche.
Die SPÖ Klagenfurt will einen Neustart. Dafür schickt sie den 72 jährigen Manfred „Waschi“ Mertel ins Rennen. Das ist ungefähr so überraschend, wie beim großen Frühjahrsputz hinter dem Schrank einen alten Pokal zu finden und zu rufen: „Wir haben die Zukunft entdeckt!“
Anfang Oktober erhielt Mertel im Parteivorstand 91 Prozent Zustimmung. Das ist beachtlich. Allerdings wählen in Klagenfurt auch Menschen, die nicht im SPÖ-Parteivorstand sitzen. Diese organisatorische Unannehmlichkeit könnte im Wahlkampf noch eine Rolle spielen.
Vom Fußballverband zur Stadtverwaltung: Hauptsache Cheftrainer sein
Im März 2024 wollte Mertel Präsident des Kärntner Fußballverbandes werden. Daraus wurde nichts: Martin Mutz erhielt 73 Stimmen, Mertel 65. Eine knappe Niederlage. Für ein „Wir waren eh fast vorne“ hätte es gereicht, für den Präsidentensessel leider nicht.
Jetzt soll es das Klagenfurter Rathaus werden. Neuer Bewerb, neuer Anlauf.
Natürlich lässt sich aus einer Fußballverbandswahl keine Bürgermeisterwahl vorhersagen. Aber die Erfahrung müsste Mertel wenigstens eines gelehrt haben: Wenn einen viele kennen, heißt das noch lange nicht, dass einen genügend wählen.
Auch der Schiedsrichter ist allen bekannt. Trotzdem möchte ihn nach dem Spiel selten jemand auf Schultern tragen.
„Den Waschi kennt man eben“ – aber wofür soll man ihn wählen?
Mertels lange Laufbahn als Fußballer, Trainer und Politiker verschafft ihm Bekanntheit. Nur ist Bekanntheit noch kein Wahlprogramm.
„Den Waschi kennt man“ mag stimmen. Den Kreisverkehr in Klagenfurt kennt man auch. Trotzdem steht er selten für eine neue Richtung.
Wer Mertels Fußballkarriere verfolgt hat, verbindet mit ihm möglicherweise schöne Erinnerungen. Wer erstmals wählen geht, möchte hingegen wissen, was er künftig vorhat.
Die SPÖ muss deshalb aus „Den kennen wir“ erst ein „Den brauchen wir“ machen. Dazwischen liegt die eigentliche Arbeit eines Wahlkampfs.
Mit „Weißt du noch?“ lässt sich ein Klassentreffen eröffnen. Eine Stadt braucht auch eine Antwort auf „Was kommt jetzt?“
Das Rednerpult und die FPÖ haben “Watschi” vermisst
Eine der Redaktion übermittelte Aussage des FPÖ-Gemeinderats Dr. Andreas Skorianz liefert den nächsten Seitenhieb: „Beim letzten Gemeinderat war Dr. Manfred Mertel kein einziges Mal am Rednerpult, wir haben uns bereits Sorgen gemacht.“
Nach der übermittelten Schilderung hätten FPÖ-Vertreter Mertel anschließend gefragt, ob es ihm gesundheitlich gut gehe. Sollte die Darstellung zutreffen, hätte Mertel den Begriff „stiller Wahlkampf“ jedenfalls bemerkenswert wörtlich genommen.
Über seine Gesundheit sagt das nichts aus. Politisch wäre es aber eine ungewöhnliche Rollenverteilung: Der Bürgermeisterkandidat schweigt, und die Opposition übernimmt sogar noch die Nachfrage nach seinem Befinden.
Wer ins Rathaus führen will, sollte gelegentlich hören lassen, wohin. Sonst müssen die Wähler sein Programm irgendwann durch Lippenlesen ermitteln.
ÖVP setzt auf eine neue Generation und konkrete Lösungen für Klagenfurt
Julian Geier: „Wen die SPÖ als Spitzenkandidaten ins Rennen schickt, entscheidet sie selbst. Ich wünsche Waschi Mertel und allen anderen Kandidaten alles Gute. Jeder soll die Klagenfurter mit seinen Ideen und seinem Konzept überzeugen.
Die ÖVP setzt bewusst auf eine neue Generation, frische Ideen und den Mut, Klagenfurt voranzubringen. Die Herausforderungen unserer Stadt verlangen klare Prioritäten, Zusammenarbeit und entschlossenes Handeln. Wir wollen Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit den Klagenfurter Lösungen umsetzen, die ihren Alltag verbessern und neue Möglichkeiten für Wohnen, Arbeit und Leben schaffen.“
Wenn sich die anderen streiten, freut sich Bürgermeister Scheider
Und Christian Scheider mit seiner Liste? Der könnte sich erste Reihe fußfrei setzen und bei jeder Attacke gegen einen Mitbewerber zufrieden murmeln: „Danke, hätte ich selbst nicht schöner sagen können.“
Während die anderen um den überzeugendsten Neustart ringen, müsste Scheider nur aufpassen, dass er beim Zuschauen nicht zu laut applaudiert. Schließlich soll niemand merken, wie gut ihm der Wahlkampf der Konkurrenz gefallen könnte.
Auch fürs Budget hätte das seinen Reiz: Warum eine Agentur mit Angriffen auf die Mitbewerber beauftragen, wenn die das gegenseitig erledigen? Scheider könnte sich am Ende glatt mit einer Dankeskarte begnügen: „Für eure tatkräftige Unterstützung meines Wahlkampfs.“
Ob ihm diese Rechnung aufgeht, entscheiden die Wähler. Bis dahin könnte für ihn gelten: Die anderen machen Wahlkampf. Scheider lässt machen.
Ein Neustart der SPÖ braucht mehr als neue Plakate
Mertels Alter entscheidet weder über seine Eignung noch über seine Ideen. Wer gute Antworten hat, darf sie in jedem Lebensabschnitt vortragen. Er sollte sie nur irgendwann vortragen.
Die SPÖ hat einen erfahrenen Kandidaten nominiert. Jetzt muss sie erklären, warum ausgerechnet mit ihm etwas beginnen soll, das bisher gefehlt hat.
Dafür braucht es konkrete Vorhaben, erkennbare Prioritäten und einen Kandidaten, der auch außerhalb der eigenen Parteisitzung überzeugt.
Bis dahin bleibt „Den Waschi kennt man“ ein überschaubares Angebot.
Klagenfurt sucht schließlich einen Bürgermeister. Für die Wiedersehensfreude gibt es das nächste Klassentreffen.
Neueste Kommentare