Korruption im Selenskyj-Umfeld, neue Tapes – und die EU überweist trotzdem 90 Milliarden

Korruption im Selenskyj-Umfeld, neue Tapes – und die EU überweist trotzdem 90 Milliarden

Die „Minditsch-Tapes“ sind zurück – und brisanter denn je. Neue Tonaufnahmen der ukrainischen Antikorruptionsbehörde NABU zeigen enge Vertraute Selenskyjs in Gesprächen über Geldflüsse, Personalentscheidungen und Bauprojekte. Die EU überweist trotzdem 90 Milliarden Euro.

Was die Tapes zeigen

Die Ukrainskaja Prawda, eine der wenigen regierungskritischen Zeitungen des Landes, hat Auszüge aus Tonaufnahmen veröffentlicht, die in der Wohnung des Geschäftsmanns Timur Minditsch entstanden sind. Wie die Weltwoche und die Berliner Zeitung berichteten, gelten diese sogenannten Minditsch-Tapes als Kernstück der Operation „Midas“ des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine (NABU). Insgesamt sollen rund 1.000 Stunden an abgehörten Gesprächen vorliegen.

Minditsch, langjähriger Bekannter Selenskyjs aus gemeinsamer Zeit bei der Produktionsfirma Kwartal 95, gilt als Hauptverdächtiger in einem mutmaßlichen Erpressungsfall beim staatlichen Energieunternehmen Energoatom. Der entstandene Schaden soll laut NABU bei rund 100 Millionen US-Dollar liegen. Minditsch hält sich laut Ermittlungsbehörden derzeit in Israel auf und entzieht sich so einer Festnahme.

Wer auf den Aufnahmen zu hören ist

Wie die Weltwoche unter Berufung auf die Ukrainskaja Prawda berichtete, sind in den Gesprächen unter anderem Serhij Schefir zu hören – ehemaliger enger Berater Selenskyjs – sowie Rustem Umerov, der aktuelle Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates. In den Mitschnitten werden Geldflüsse, Personalentscheidungen und Bauprojekte besprochen. Thema ist auch die Finanzierung einer Kaution für den ehemaligen Vizepremier Oleksij Tschernyschow, der des Amtsmissbrauchs und der Bestechung verdächtig ist – und ein Familienfreund der Selenskyjs sein soll.

Zusätzlich werden in den Aufnahmen Verbindungen zu einem exklusiven Wohnprojekt namens „Dynastie“-Genossenschaft nahe Kiew erwähnt, an dem laut Berliner Zeitung hochrangige Politiker beteiligt sein sollen. Auch das Rüstungsunternehmen Fire Point taucht auf – es erhielt demnach Großaufträge, war aber angeblich unterfinanziert.

New York Times: Regierung sabotierte Korruptionsbekämpfung systematisch

Die Enthüllungen stehen nicht isoliert. Wie der Tagesspiegel unter Berufung auf eine umfangreiche NYT-Recherche berichtete, soll Selenskyjs Regierung die Aufsichtsgremien von Staatsunternehmen über Jahre hinweg systematisch geschwächt haben – durch Besetzung mit Gefolgsleuten, absichtliche Vakanzen und Satzungsänderungen. Das Ergebnis, so die NYT: Energoatom wurde „weitgehend machtlos, Korruption zu verhindern.“ Ein Berater Selenskyjs wies die Verantwortung zurück.

Antikorruptionsbehörden unter Druck

Noch brisanter macht den Fall ein Schritt Selenskyjs aus dem Vorjahr. Wie das Handelsblatt berichtete, entzog der Präsident im Juli 2025 NABU und SAPO ihre Unabhängigkeit und stellte beide Behörden unter den Generalstaatsanwalt – den er selbst ernennt. Kritiker sehen darin den Versuch, Ermittlungen gegen das eigene Umfeld zu behindern. Nach landesweiten Protesten – den ersten seit 2022 – wurde der Schritt formal zurückgenommen. Laut dem ukrainischen Zentrum für Korruptionsbekämpfung müsse Selenskyj aufgrund der Machtkonzentration unter Kriegsrecht von den Vorgängen gewusst haben. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

EU überweist 90 Milliarden – trotz offener Fragen

Die politische Brisanz liegt auch im Timing. Wie bereits berichtet, beschloss die EU unmittelbar nach Bekanntwerden weiterer Tapes-Details ein 90-Milliarden-Euro-Darlehen für die Ukraine. Österreichs Außenministerin Meinl-Reisinger hatte die Freigabe der Mittel begrüßt – Konditionen oder Transparenzanforderungen als Reaktion auf die Korruptionsvorwürfe wurden öffentlich nicht thematisiert.

Credits: APA

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