Kanzler Merz nach einem Jahr: Koalition knarzt, Springer schießt, Partei zweifelt

Kanzler Merz nach einem Jahr: Koalition knarzt, Springer schießt, Partei zweifelt

Friedrich Merz ist seit einem Jahr Bundeskanzler. Die Bilanz ist durchwachsen: Rentenreform, Bürgergeld-Umbau, Wirtschaftspaket. Aber die Kollateralschäden häufen sich — und kommen aus allen Richtungen gleichzeitig.

Springer schießt — und das ist kein Zufall

Der symbolisch schwerste Treffer des vergangenen Monats kam nicht von der Opposition, sondern von den eigenen Medienverbündeten. Bild und Welt veröffentlichten einen Insiderbericht über eine angespannte Stimmung im Kanzleramt — Ausbrüche, erschöpfte Vertraute, ein belastetes Verhältnis zu Kanzleramtsminister Thorsten Frei. Wie die Junge Welt analysiert, könnten hinter den anonymen Quellen mächtige Unionsinterne stecken — Fraktionschef Jens Spahn gilt als möglicher Hintermann. Dass ausgerechnet Springer, traditionell unionstreu, den Kanzler so offen angeht, ist ein Signal — und hängt laut Beobachtern auch mit Merz‘ Kritik an der US-Iran-Politik zusammen, die Springer-Chef Mathias Döpfner wenig schätzt.

SPD-Generalsekretär stellt Eignung infrage

Aus den Reihen des Koalitionspartners kam es noch direkter. SPD-Generalsekretär Matthias Miersch erklärte laut Euronews bei einer Parteiveranstaltung: „Es ist ein Riesenproblem, dass er so ein impulsiver Mensch ist. So kann man eigentlich kein Kanzleramt führen.“ Auslöser war unter anderem der Streit zwischen Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil — Berichten zufolge soll Merz seinen Vize beim Koalitionsausschuss Ende April angebrüllt haben. Merz wies das zurück. Es bleibt der Eindruck.

Die Zahlen schweigen nicht

Was die interne Stimmung nach außen spiegelt, sind die Umfragen. Laut Euronews sind über 70 Prozent der Deutschen unzufrieden mit Merz. Im Politikerranking ist er auf den letzten Platz abgerutscht. Die Union liegt laut aktuellen Erhebungen bei rund 26 Prozent — deutlich unter dem Wahlergebnis — die SPD bei zwölf Prozent. Die AfD nähert sich laut Junge Welt der 30-Prozent-Marke.

Auch in den eigenen Reihen bröckelt es. Der CSU-Abgeordnete Alexander Engelhard erklärte offen, er könne „niemandem mehr erklären, warum er nicht die AfD wählen soll“. CDU-Parlamentarier Christian von Stetten prognostizierte, die Koalition werde „keine vier Jahre“ halten.

Was Merz vorzuweisen hat — und was nicht

Ganz ohne Substanz ist das Regierungsjahr nicht. Wie Euronews auflistet: eine Rentenreform mit stabiler 48-Prozent-Haltelinie, der Umbau des Bürgergelds, ein Wirtschaftspaket. Dazu kam ein Koalitionsvertrag, der in Rekordzeit in 45 Tagen verhandelt wurde. Das ist keine Kleinigkeit.

Gleichzeitig hat Merz mehrfach mit unbedachten Aussagen für Empörung gesorgt: das „Stadtbild“-Statement im Oktober 2025 löste landesweite Proteste aus, der Kommentar über Israels Vorgehen als „Drecksarbeit für den Westen“ sorgte für internationale Irritationen, und sein Auftritt in Belém beim UN-Klimagipfel hinterließ verprellte Gastgeber.

Was das alles bedeutet

Ein Kanzler, dessen eigene Medienverbündete gegen ihn schreiben, dessen Koalitionspartner seine Führungseignung öffentlich bezweifeln und dessen Parteifreunde laut über Neuwahlen nachdenken — das ist keine normale Regierungskrise. Das ist ein strukturelles Glaubwürdigkeitsproblem. Merz hat Deutschland keine ruhige Hand gebracht, die er versprochen hatte. Er hat sie impulsiv und unberechenbar regiert — mit einem Stil, der Verbündete verschleißt, bevor Feinde überhaupt zuschlagen müssen.

Credits: APA

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