Es ist ein absurdes Theater, das sich am Küniglberg abspielt. Und das Schlimmste daran: Es ist kein Theater, sondern bittere Realität.
Die Bewerbungsfrist für den neuen ORF-Generaldirektor ist abgelaufen. Kandidaten haben sich öffentlich exponiert, Konzepte erarbeitet, womöglich ihren aktuellen Job riskiert. Und das alles – für eine Entscheidung, die längst gefallen zu sein scheint.
Der Sideletter, den niemand zugeben will
Wie oe24 aus hochrangigen Regierungskreisen berichtete, hat Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sich intern bereits auf APA-CEO Clemens Pig festgelegt – noch während die Bewerbungsfrist offiziell lief. Wie horizont.at berichtete, soll es zudem einen inoffiziellen Sideletter zwischen ÖVP und SPÖ geben: Die ÖVP bekommt die Generaldirektion, die SPÖ im Gegenzug Direktorenposten. Stocker lud Kandidaten laut profil.at nacheinander zu Vorgesprächen – nicht der Stiftungsrat, der formal für die Entscheidung zuständig ist, sondern der Kanzler persönlich.
Das ist, um es klar zu sagen, legalisierter Postenschacher. Dieselbe Methodik, für die August Wöginger gerade nicht rechtskräftig verurteilt wurde – nur diesmal auf höchster Ebene, öffentlich sichtbar und politisch offenbar vollkommen akzeptiert.
Ein Schlag ins Gesicht der ernsthaften Bewerber
Man stelle sich vor, man bewirbt sich ernsthaft auf diesen Job. Man geht an die Öffentlichkeit, legt sich fest, erarbeitet ein umfassendes Konzept – und liest in der Zeitung, dass die Entscheidung bereits in einer Koalitionsrunde getroffen wurde. Das ist kein faires Verfahren. Das ist eine Kulisse.
Dabei wäre unter den Bewerbern beispielsweise Johannes Larcher – ein ehemaliger HBO-Manager mit jahrzehntelanger internationaler Karriere – nach reinen Qualifikationskriterien ein hochinteressanter Kandidat. Wie profil.at festhielt, scheine er aber keine echten Chancen zu haben. Warum? Weil er nicht die richtigen Unterstützer in der Koalition hat.
Was Wöginger hätte lehren sollen
Kaum drei Wochen nach dem nicht rechtskräftigen Urteil gegen Ex-ÖVP-Klubobmann Wöginger wegen Postenschachers läuft am Küniglberg ein Verfahren ab, das strukturell dieselbe Frage aufwirft: Wer entscheidet wirklich – und nach welchen Kriterien?
ÖVP und SPÖ sprechen seit Jahren davon, den ORF zu entpolitisieren. Gleichzeitig teilen sie seine Führungsposten wie selbstverständlich unter sich auf. Das eine schließt das andere aus – und beide wissen das.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der von Parteien als Beute behandelt wird, verliert langfristig an Glaubwürdigkeit – und damit seinen eigentlichen Wert. Nicht für die Parteien. Für die Bevölkerung. Eine internationale Ausschreibung mit transparenten Kriterien und einer unabhängigen Jury wäre der einzige Weg, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Solange das nicht passiert, wird der ORF das bleiben, was er allzu oft war: ein politisch besetzter Apparat, der nach außen Unabhängigkeit verspricht und nach innen nach Proporz funktioniert.
Formal entscheidet der 35-köpfige Stiftungsrat am 11. Juni 2026. Die ORF-Journalisten – und das Publikum – verdienen mehr als das, was sich gerade abspielt.
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