Der Iran-Krieg trifft die Luftfahrt an einer empfindlichen Stelle: 75 Prozent des europäischen Kerosins kamen bislang aus dem Mittleren Osten — durch die Hormuz-Blockade ist dieser Nachschub weggebrochen. Nun verdichten sich die Warnungen vor realen Engpässen im Hochsommer.
IEA und IATA schlagen Alarm: Sechs Wochen Puffer
Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris hat in ungewöhnlich klaren Worten gewarnt: Wie Rhein-Zeitung und Salzburger Nachrichten berichten, könnten mehrere europäische Länder innerhalb der nächsten sechs Wochen mit einer beginnenden Kerosin-Knappheit konfrontiert sein. Ersatzlieferungen — vor allem aus den USA — können den Ausfall bislang nur zu rund der Hälfte ausgleichen. IEA-Chef Fatih Birol sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, wie ZDF berichtet: „Wenn die Straße von Hormuz nicht wieder geöffnet wird, werden wir in Europa bald die Nachricht hören, dass einige Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen Treibstoffmangels gestrichen werden könnten.“
Auch IATA-Generaldirektor Willie Walsh warnte laut Salzburger Nachrichten, in Europa könnten ab Ende Mai Flüge ausfallen. Derzeit bekannt: Wizz Air erlebte bereits kurzfristige Engpässe an drei italienischen Flughäfen — Venedig, Brindisi und Catania. Flugstreichungen blieben zwar aus, doch der Vorfall gilt als Vorbote.
„Kerosin-Triage“: Wenn der Treibstoff zugeteilt werden muss
Noch schärfer formuliert es die deutsche Luftfahrtbranche. Wie OE24 berichtet, warnte Claus Wagner, Vorsitzender des Verbands der Air Cargo Abfertiger Deutschlands (VACAD), gegenüber der Welt: „Wir kommen möglicherweise in eine Situation, dass in Deutschland Kerosin zugeteilt werden muss, wie es in Italien bereits der Fall ist.“ Kleinere Flughäfen würden dann als erstes eingeschränkt oder gar nicht mehr angeflogen.
Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt warnt laut OE24 vor einer „dramatischen Lage“ im Sommer: Berlin und Brüssel müssten dann entscheiden, welche Flüge prioritär mit Treibstoff versorgt werden — eine echte Triage. Für die Luftfrachtlogistik fordert Christopher Stoller, Präsident des Aircargo Club Deutschland (ACD), eine bevorzugte Versorgung, da der Luftfrachtsektor als „kritisches Rückgrat globaler Lieferketten“ fungiere.
Deutschland: Reserven vorhanden, Krisengespräch für Montag einberufen
Die deutsche Politik reagiert differenziert. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) bezeichnete die Lage gegenüber dem Spiegel laut OE24 als ähnlich herausfordernd wie die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und forderte, die Versorgungssicherheit im Blick zu behalten: „Wir müssen die Warnungen vor Kerosinknappheit sehr ernst nehmen.“
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mahnte dagegen zur Besonnenheit und warnte vor Alarmismus. Wie OE24 berichtet, hat ihr Ministerium für Montag alle Stakeholder — Versorger, Flughäfen, Airlines und Verbände — zu einem Gespräch eingeladen. Deutschland habe bereits 50.000 Tonnen Jet-Treibstoff aus strategischen Reserven freigegeben. Der Erdölbevorratungsverband halte aktuell weitere rund 1,1 Millionen Tonnen an Kerosin-Reserve bereit. Dazu komme die eigene Raffineriekapazität, die Deutschland im europäischen Vergleich besser aufstelle als andere Länder.
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