Kein einziges Spiel zu heiß: Analyse zerpflückt FIFA-Trinkpausen

Kein einziges Spiel zu heiß: Analyse zerpflückt FIFA-Trinkpausen

Alle 22 Minuten unterbricht der Schiedsrichter das Spiel für eine „Hydration Break“ – offiziell zum Schutz der Spieler vor der Hitze. Eine aktuelle Reuters-Analyse zeigt nun: Bei keinem einzigen der bisherigen 94 WM-Spiele wurde jener Hitzewert erreicht, ab dem der Weltverband FIFA solche Pausen eigentlich für zwingend notwendig hält.

Was Reuters herausgefunden hat

Reuters wertete für alle bisherigen 94 Partien der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko die sogenannte Feuchtkugeltemperatur (WBGT) mittels Satellitendaten aus – jenen Hitzeindex, der Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind zu einer einzigen Kennzahl für die tatsächliche körperliche Belastung kombiniert. Das Ergebnis: Kein einziges Spiel erreichte den von der FIFA selbst festgelegten Interventionswert von 32 Grad Celsius, ab dem verpflichtende Kühlpausen oder sogar eine Verschiebung des Spiels vorgesehen wären.

Deutlich strenger sind die Grenzwerte der internationalen Spielergewerkschaft FIFPRO: Sie empfiehlt Trinkpausen bereits ab 26 Grad WBGT und eine Spielverlegung ab 28 Grad. Nach diesem Maßstab lagen immerhin 35 der 94 Spiele über dem niedrigeren FIFPRO-Schwellenwert, 27 davon sogar über der 28-Grad-Marke.

Warum es trotzdem in jedem Spiel eine Pause gibt

Wichtig zur Einordnung: Anders als noch bei früheren Turnieren, wo Kühlpausen nur bei tatsächlichem Erreichen bestimmter Hitzewerte vom Schiedsrichter angeordnet wurden, hat die FIFA für dieses Turnier einen grundsätzlichen Kurswechsel vorgenommen. Wie ESPN berichtet, kündigte der Verband bereits im Dezember an, dass in allen 104 Spielen des Turniers eine Trinkpause pro Halbzeit stattfinden solle – unabhängig von den tatsächlichen Wetterbedingungen, sogar in Stadien mit Dach oder in kühleren Austragungsorten wie Seattle. Turnierdirektor Manolo Zubiria begründete dies mit dem Ziel gleicher Bedingungen für alle Teams in allen Spielen.

Genau diese pauschale Regel ist unter Trainern und Spielern höchst umstritten. US-Nationaltrainer Mauricio Pochettino etwa erklärte gegenüber ESPN, er befürworte die Pausen nur bei tatsächlich extremen Bedingungen – bei guten Bedingungen seien sie schlicht unnötig.

Der Verdacht: Werbeeinnahmen statt Spielerschutz

Dass ausgerechnet in einem Sport, der traditionell 45 Minuten am Stück ohne Unterbrechung läuft, nun planbare Pausen alle 22 Minuten eingeführt wurden, nährt Zweifel an der offiziellen Begründung. Diese Zweifel sind nicht neu: Bereits vor dem Turnier kursierte in sozialen Netzwerken ein altes Interview von Diego Maradona aus dem Jahr 2018, in dem die argentinische Fußballlegende scherzhaft vorhersagte, die USA würden Fußballspiele irgendwann in vier Viertel zu je 25 Minuten aufteilen – einzig um mehr Platz für Werbeblöcke zu schaffen.

Tatsächlich sind die Trinkpausen im Gegensatz zu Verletzungspausen oder VAR-Checks für Fernsehsender exakt planbar. Laut ESPN wurde Sendern sogar ausdrücklich erlaubt, während der Pausen auf Split-Screen oder komplette Werbeeinblendungen umzuschalten – mit der Vorgabe, frühestens 20 Sekunden nach Pausenbeginn und spätestens 30 Sekunden vor Spielfortsetzung zu werben. Bei 104 Spielen mit je zwei Pausen ergäben sich damit theoretisch bis zu 208 planbare Werbefenster.

Die Kritik an FIFA-Chef Infantino wächst

Die Debatte um die Trinkpausen reiht sich in eine Serie von Kontroversen rund um FIFA-Präsident Gianni Infantino bei diesem Turnier ein – von seinen Flügen zwischen den Austragungsorten über ein Telefonat mit US-Präsident Donald Trump zur Aufhebung einer Spielersperre bis zu Diskussionen über eine neue Hymnenregelung. Ob sich der Vorwurf, wonach der offizielle Gesundheitsschutz-Vorwand nicht durch die tatsächlichen Wetterdaten gedeckt sei, in der öffentlichen Debatte weiter zuspitzt, dürfte sich in den kommenden Turniertagen zeigen.

Credits: Von DHSgov – https://www.flickr.com/photos/126057486@N04/55212394996/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=189584128 (Bild mit KI erweitert)

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