Knapp 60 Prozent der Kanadier würden einen EU-Beitritt ihres Landes befürworten — oder zumindest die Idee prüfen wollen. Auslöser ist das rapide schwindende Vertrauen in den südlichen Nachbarn.
Die Umfragen und ihre Zahlen
Gleich mehrere Erhebungen zeichnen ein klares Bild. Wie Blick berichtet, zeigt eine Umfrage des Instituts Spark Advocacy unter 4.000 Kanadiern: 25 Prozent befürworten einen formellen EU-Beitritt, weitere 58 Prozent halten die Idee zumindest für prüfenswert — nur 17 Prozent lehnen sie ab. Eine separate Erhebung der kanadischen Tageszeitung Globe and Mail, über die der Spiegel berichtet, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Knapp 60 Prozent sprechen sich ganz oder überwiegend für eine EU-Mitgliedschaft aus, nicht einmal ein Drittel ist dagegen.
Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren hatten nur rund ein Viertel der Kanadier den Beitritt gutgeheißen.
Der Auslöser: Trump und die Vertrauenskrise
Der Grund für die dramatische Meinungsverschiebung liegt auf der Hand. Wie nau.ch berichtet, sehen laut aktuellen Daten 58 Prozent der Kanadier die USA nicht mehr als verlässlichen Partner — nur noch 37 Prozent betrachten den südlichen Nachbarn überhaupt als Verbündeten.
US-Präsident Donald Trump hat mit Strafzöllen, der wiederholten Drohung, Kanada zum „51. Bundesstaat“ zu machen, und einer insgesamt aggressiven Rhetorik gegenüber Ottawa für eine tiefe Verstimmung gesorgt. Bruce Anderson, Chief Strategy Officer bei Spark Advocacy, kommentiert die Umfrageergebnisse laut audimax.de so: Die Daten zeigten, dass Kanadier zunehmend bereit seien, sich von der Abhängigkeit von den USA zu lösen — nach mehr als einem Jahr US-Zölle unter Trumps zweiter Amtszeit.
Politisch: Offen, aber vorsichtig
In Europa stieß die Debatte auf vorsichtiges Interesse. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot sagte laut GMX knapp: „Warum nicht?“ Auch der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel hatte sich bereits früher für eine Aufnahme Kanadas in die EU ausgesprochen.
Kanadas Premierminister Mark Carney hingegen hat sich bislang nicht zu einer formellen Mitgliedschaft geäußert, wie die Weltwoche berichtet. In seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos sprach er von einer „Allianz der mittelgroßen Mächte“ und betonte den Wunsch nach mehr Eigenständigkeit — ohne konkret auf eine EU-Mitgliedschaft einzugehen.
Rechtlich: Eine Mauer aus Vertragsrecht
So verlockend die Idee klingt, so klar scheitert sie am EU-Vertragsrecht. Wie Blick festhält, erlaubt Artikel 49 des EU-Vertrags ausschließlich europäischen Staaten den Beitritt. Kanada liegt geografisch schlicht auf der falschen Seite des Atlantiks. Politikprofessor Scott Erb hält einen tatsächlichen Beitritt laut Bild-Zeitung für „sehr unwahrscheinlich“, sieht aber durchaus Potenzial für tiefere transatlantische Handelsabkommen. Sein Fazit: „Dass diese Debatte überhaupt geführt wird, zeigt tiefes Misstrauen vieler Kanadier gegenüber den USA unter Präsident Trump.“
Kritik kommt auch aus Kanada selbst. Die konservative National Post bezeichnete die Idee laut GMX als „strategisch unsinnig“ und „extrem dumm“ — Kanadas Wirtschaft sei zu eng mit den USA verflochten, ein EU-Beitritt würde bestehende Strukturen zerreißen.
Wahrscheinlicher als eine Vollmitgliedschaft erscheint Experten daher ein erweitertes Kooperationsformat — in Expertenpapieren kursiert laut Spiegel bereits die Idee einer „New Nordic Security and Trade Alliance“.
Credits: APA
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