Während Brüssel offiziell den Ausstieg aus russischer Energie predigt, zeigen die Zahlen ein anderes Bild. Der Nahostkonflikt hat Europa in eine Energiefalle getrieben — und Russland kassiert.
97 Prozent: Fast alles landet in Europa
Die Daten sind eindeutig. Wie die Financial Times unter Berufung auf Zahlen des Energieanalysehauses Kpler berichtet, hat die EU im ersten Quartal 2026 beeindruckende 69 von 71 Lieferungen aus dem russischen Yamal-LNG-Projekt in der sibirischen Arktis abgenommen — das entspricht 97 Prozent der gesamten Exportmenge. Im gleichen Quartal des Vorjahres lag dieser Anteil noch bei 87 Prozent. Insgesamt stiegen die Importe damit um 17 Prozent auf rund fünf Millionen Tonnen. Allein im März 2026 registrierte Europa 25 separate Yamal-Lieferungen, wie gcaptain.com berichtet.
Den Preis dafür beziffert die Umweltorganisation Urgewald laut Weltwoche auf rund 2,88 Milliarden Euro, die EU-Mitgliedstaaten im Quartal für das russische Gas ausgaben.
Der Iran-Krieg als Treiber
Der Hintergrund dieser Entwicklung liegt im Nahostkonflikt. Wie die Berliner Zeitung berichtet, haben iranische Angriffe rund 17 Prozent der katarischen LNG-Exportkapazitäten beschädigt — ein Ausfall, der den globalen Spotmarkt schlagartig verknappt hat. Hinzu kommen Spannungen rund um die Straße von Hormus, durch die laut berliner-zeitung.de rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Verkehrs fließen. Das Ergebnis: Die Gaspreise an europäischen Börsen schnellten laut kettner-edelmetalle.de auf bis zu 60 Euro pro Megawattstunde — zum Jahreswechsel hatte der TTF-Preis noch unter 30 Euro gelegen. In diesem Umfeld war russisches Yamal-LNG für viele Versorger schlicht die günstigste verfügbare Option.
Eni-Chef fordert Verschiebung des Verbots
Die Zahlen haben politische Konsequenzen. Wie die Berliner Zeitung berichtet, fordert Eni-CEO Claudio Descalzi die EU offen auf, das ab 1. Januar 2027 geplante Importverbot für russisches LNG über die Hälfte auszusetzen. Hintergrund: Die LNG-Anlagen in den USA seien voll ausgelastet, Katar habe die Produktion eingestellt, warnte Energieanalystin Ana Maria Jaller-Makarewicz vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis gegenüber der Berliner Zeitung. Alternative Anbieter wie Mexiko, Australien oder afrikanische Produzenten könnten allenfalls rund zehn Prozent der wegfallenden russischen Mengen kompensieren.
Denkfabrik Bruegel warnt: Verbot nicht anfassen
Trotz alledem plädieren Energieexperten der Brüsseler Denkfabrik Bruegel laut Berliner Zeitung klar gegen ein Aufweichen des Verbots. Ein Einlenken würde die Abhängigkeit wiederherstellen, deren Abbau Europa drei Jahre und erhebliche politische Anstrengungen gekostet habe. Es würde Russland ermöglichen, Preise zu manipulieren und die EU politisch zu spalten. Urgewald-Sanktionsexperte Sebastian Rötters formuliert es laut gcaptain.com noch direkter: Europa habe seine Marktmacht gegenüber Russland — das für seinen Arktis-Export mangels Ausweichmärkte vollständig auf EU-Häfen angewiesen ist — schlicht nicht genutzt.
Credits: APA
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