Interview mit Werner Gruber: Die Gesellschaft aus der Sicht der Physik

Interview mit Werner Gruber: Die Gesellschaft aus der Sicht der Physik

Herr Gruber, Sie sind Physiker und Autor, werden aber auch oft als Kabarettist bezeichnet. Würden Sie sich selbst so sehen?

Nein, ich bin kein Kabarettist. Ein Kabarettist muss witzig sein – ich muss das nicht, ich kann witzig sein. Ich bin Wissenschaftler – egal ob im Hörsaal oder auf der Bühne. Ich erkläre die Welt durch Physik, und die Gesellschaft ist letztlich nichts anderes als Physik.

Sie können sich die Frage stellen, warum zwei Menschen eine Familie gründen. Physikalisch gesehen ist das eine Form der Energieminimierung: Eine Wohnung statt zwei – das spart Ressourcen. Dasselbe Prinzip gilt auch in der Atomphysik: Protonen und Elektronen verbinden sich zu einem Wasserstoffatom. Wenn in einer Beziehung Stress entsteht, kann das bildlich gesprochen den Energiezustand erhöhen und die Teilchen sich voneinander entfernen . Bei einer Scheidung kommt es dann zur Ionisation – das Elektron trennt sich dauerhaft vom Proton. Gesellschaftliche Strukturen lassen sich oft durch physikalische Formeln beschreiben.

Die Wissenschaft hat spätestens seit der Pandemie eine neue Rolle in der öffentlichen Debatte eingenommen. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft heute?

Wissenschaft wird von der Politik oft nicht wirklich ernst genommen. Wissenschaftler werden zwar eingeladen, sie geben Empfehlungen ab – doch Politiker sagen dann oft: „Ja, das wäre sicher sinnvoll, aber ich kann es den Bürgern nicht erklären“

Gleichzeitig wird bei wirtschaftlichen Einsparungen oft zuerst in der Forschung gekürzt. Dabei zeigen Beispiele wie China, dass eine Investition in Wissenschaft langfristig den größten wirtschaftlichen Erfolg bringt. In den 1990er Jahren hat China massiv in Forschung investiert, was einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge hatte, wie wir das heute gut erkennen können. Bis 1992 hingegen war China wirtschaftlich vor allem für das Kopieren bereits bestehender Produkte bekannt. Hier brachte die Forschung einen entscheidenden Umschwung.

Sie haben sich oft über wissenschaftliche Mythen und Halbwissen geärgert. Welche Irrtümer stören Sie besonders?

Im Großen und Ganzen viele Dinge, die heute immer wieder behauptet werden: Die Vorstellung, dass der Klimawandel „natürlich“ sei, ist ein klassisches Beispiel.

Auch die Behauptung, China sei allein für den CO₂-Ausstoß verantwortlich, ist zu kurz gedacht – schließlich wird ein Großteil der dortigen Emissionen für die Produktion von Waren erzeugt, die wir in Europa kaufen. Stichwort: Amazon-Pakete.

Und dann gibt es noch Verschwörungstheorien wie jene, dass die Mondlandung nie stattgefunden habe. Viele solcher Thesen stammen aus einer Mischung aus Unwissenheit und politischem Kalkül – ein Problem, das sich durch gute Politik- bzw. Wissenschaftskommunikation bekämpfen ließe.

Sie verbinden Wissenschaft mit Humor. Ist das der beste Weg, um Menschen für Naturwissenschaften zu begeistern?

Es ist zumindest meine Art. Andere Wege sind genauso legitim. Aber ich glaube, dass Humor hilft, komplexe Themen zugänglicher zu machen. Wichtig ist, dass Wissenschaft verständlich erklärt wird, ohne dabei an Präzision zu verlieren.

Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Reicht Wissenschaft allein aus, um Menschen und Politik zu überzeugen?

Nein, was fehlt, ist der Blickwinkel aus der Marketingperspektive. Wer sitzt in den politischen Entscheidungsgremien? Meistens Juristen und Wirtschaftler Aber es fehlen Psychologen, Ärzte, Architekten oder Handwerker – Menschen mit praktischem Fachwissen aus anderen Bereichen.

Man sieht viele Probleme ausschließlich durch eine wirtschaftliche Brille, obwohl sie eine soziale Komponente haben. Wir haben in der Pandemie erkannte, dass ein Gasthaus mehr ist als nur ein Ort zum Essen – es hat auch eine soziale Funktion. Man hätte diesepsychologische Komponente mehr berücksichtigen müssen. Dasselbe gilt für viele gesellschaftliche Themen, die oft rein wirtschaftlich betrachtet werden.

Ein weiteres Beispiel ist die Art, wie politische Entscheidungen kommuniziert werden. Ein klassischer Fehler: Die Politik stellt Ja-Nein-Fragen, anstatt sinnvolle Alternativen zur Wahl zu stellen. Anstelle zum Beispiel zu fragen: “Wollen wir eine Vermögenssteuer?“ müsste die Frage lauten: “Wollen wir eine Vermögensteuer oder ein schlechtes Gesundheitssystem?”

Gibt es ein physikalisches Prinzip, das die Gesellschaft besonders beachten sollte?

Ja, das sogenannte Null-Experiment. Damit findet man heraus, ob zwei Dinge nur zufällig zusammenfallen oder tatsächlich eine Kausalität besteht.

Beispiel Impfung: Wenn ein junger Sportler nach einer Impfung auf dem Fußballplatz stirbt (das kommt immer wieder vor), wird oft sofort ein Zusammenhang hergestellt. Dabei gab es solche Fälle auch schon vor Jahrzehnten – oft durch eine unbemerkte kalte Lungenentzündungen. Statistisch gesehen war die Rate solcher Vorfälle vor der Impfung nicht anders als danach. Die Wissenschaft muss hier sauber trennen zwischen echter Ursache und bloßer Korrelation.

Zum Abschluss: Sie haben viele spannende Projekte gemacht. Gibt es eine verrückte Idee, die Sie in Zukunft noch umsetzen möchten?

Ja – herauszufinden, wie das menschliche Gehirn wirklich funktioniert. Das fasziniert mich schon lange.

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