Es ist ein seltener Einblick in die Schattenwelt der russischen Wirtschaft: Juri Tschichantschin, Chef der russischen Finanzaufsichtsbehörde, hat gegenüber Präsident Wladimir Putin offenbart, wie sich russische Unternehmen seit über drei Jahren durch das Sanktionsnetz des Westens manövrieren – mit einem Arsenal an Alternativen, das von Gold bis zu Kryptowährungen reicht.
Laut einem Protokoll des Treffens im Kreml setzen russische Firmen auf eine Reihe „kreativer Methoden“, um ihre Geschäfte trotz der westlichen Strafmaßnahmen am Laufen zu halten. Dabei gehe es nicht nur um klassische Ausweichlösungen wie Tauschhandel, sondern zunehmend um moderne und technisch anspruchsvolle Wege der Sanktionsumgehung.
Besonders auffällig: Der zunehmende Einsatz von Gold und Kryptowährungen als Zahlungsmittel im Außenhandel. Auch Rubel-Zahlungen gewinnen an Bedeutung, während Transaktionen in US-Dollar, Euro oder Pfund „deutlich zurückgegangen“ seien, so Tschichantschin. Ziel sei es, westlich dominierte Zahlungskanäle zu umgehen.
„Netting“: Russland rechnet gegen
Ein zentrales Element der Umgehungsstrategie sind sogenannte „Netting“-Vereinbarungen. Dabei werden Export- und Importforderungen direkt zwischen Unternehmen verrechnet – oft über zentrale Stellen bei russischen Banken. So lassen sich grenzüberschreitende Geldflüsse vermeiden, die normalerweise durch Sanktionen blockiert würden. Mit anderen Worten: Russland exportiert Ware A, importiert Ware B – und rechnet intern auf, statt international zu überweisen.
Tschichantschin sprach von einem „aktiven Einsatz“ dieser Clearing-Operationen. Der Westen habe damit kaum Zugriff, weil keine internationalen Zahlungssysteme wie SWIFT involviert sind.
Neue Wirtschaftsachsen im Osten
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Russland verlagert seinen Zahlungsverkehr zunehmend in Richtung Naher Osten, Südostasien und Zentralasien. Zahlungen an und von russischen Unternehmen laufen laut Tschichantschin über alternative Netzwerke, darunter ein von Moskau initiiertes Schnellzahlungssystem, das vor allem innerhalb der GUS-Staaten – also ehemaliger Sowjetrepubliken – genutzt wird. Damit baut Russland eine eigene Zahlungsinfrastruktur auf, die vom Westen kaum zu kontrollieren ist.
Wirtschaft unter Druck
So geschickt viele dieser Umgehungstaktiken auch sein mögen – sie kaschieren nicht, dass Russlands Wirtschaft unter Druck steht. Zwar hat sich das Land bislang erstaunlich robust gezeigt, doch aktuelle Zahlen deuten auf eine Abschwächung hin.
Der US-Finanzdienstleister S&P Global meldete im Juni einen starken Rückgang der russischen Industrieproduktion. Auch aus Moskau selbst kommen warnende Töne: Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erklärte unlängst, Russland befinde sich „am Rande einer Rezession“.
Offiziellen Angaben zufolge wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2024 nur noch um 1,4 Prozent – nach noch 4,5 Prozent im letzten Quartal 2023. Im Gesamtjahr 2024 lag das Wachstum bei 4,3 Prozent. Der Trend zeigt klar nach unten.
Credit:APA
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