Dramatische Minuten am Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Sevilla: Wie aus dem nun veröffentlichten Abschlussbericht der spanischen Flugbehörde CIAIAC hervorgeht, war der Jet in 10.000 Metern Höhe zehn Minuten ohne aktive Steuerung durch einen Piloten unterwegs – der Pilot war aus dem Cockpit ausgesperrt, der Co-Pilot hatte einen Schwächeanfall.
Der Airbus A321, mit 199 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern an Bord, befand sich auf einem Routineflug über Spanien, als sich gegen 10.31 Uhr ein beunruhigendes Szenario entwickelte. Der Flugkapitän verließ für einen kurzen Toilettengang das Cockpit – eine gängige Praxis während des Reiseflugs. Zurück blieb der 38-jährige Co-Pilot, der laut Aussagen seines Kollegen zuvor keine Auffälligkeiten gezeigt hatte.
Doch nur wenige Sekunden später registrierten die Bordsysteme verdächtige Aktivitäten: unkoordinierte Geräusche, falsch betätigte Schalter und abrupte Bewegungen. Der Grund: Der Co-Pilot erlitt plötzlich einen schweren Krampfanfall und verlor das Bewusstsein – alleine im abgeschotteten Cockpit.
Verschlossene Tür, hilfloser Kapitän
Während der Airbus weiter im Autopilot-Modus stabil auf Kurs blieb, versuchte der Kapitän nach etwa acht Minuten vergeblich, ins Cockpit zurückzukehren. Fünfmal tippte er den standardmäßigen Türöffnungscode ein, doch eine Reaktion blieb aus. Der Summton, der dem Co-Piloten das Türöffnen signalisieren sollte, blieb unbeantwortet. Auch über das Bordtelefon konnte keine Verbindung hergestellt werden.
Da die Cockpit-Türen seit Jahren speziell gegen unbefugten Zutritt gesichert sind, ist ein gewaltsames Öffnen ausgeschlossen. Erst über den Notfallcode, der nach kurzer Verzögerung die Tür automatisch entriegelt, konnte sich der Kapitän schließlich wieder Zutritt verschaffen. Laut Bericht geschah dies in letzter Sekunde: Kurz bevor der Mechanismus die Tür geöffnet hätte, entriegelte der Co-Pilot sie selbst – stark geschwächt, aber wieder bei Bewusstsein.
Notlandung in Madrid
Der Zustand des Co-Piloten war besorgniserregend. Er war blass, schwitzte heftig und zeigte auffällige motorische Störungen. Die Flugbesatzung entschied daraufhin, den Flug abzubrechen und eine außerplanmäßige Landung in Madrid einzuleiten, wo medizinische Hilfe bereitstand.
Die spanischen Luftfahrtermittler kamen in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass der Vorfall durch eine bislang unerkannte neurologische Erkrankung des Co-Piloten ausgelöst wurde. Diese sei bei vorangegangenen flugmedizinischen Untersuchungen nicht diagnostiziert worden – auch der Pilot selbst habe keinerlei Symptome gekannt oder angegeben.
Der Fall bringt eine alte Debatte zurück auf den Tisch: Muss bei jeder Abwesenheit eines Piloten zwingend eine zweite autorisierte Person im Cockpit verbleiben? Die europäische Luftsicherheitsagentur EASA hatte nach dem tragischen Absturz eines Germanwings-Flugzeugs im Jahr 2015 entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Damals hatte ein psychisch erkrankter Co-Pilot ein Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht.
In vielen Airlines wurde seither die Regel eingeführt, dass beim Verlassen eines Piloten immer ein Crewmitglied – meist aus der Kabine – im Cockpit bleibt. Lufthansa hatte diese Praxis zwischenzeitlich gelockert, auch aus Gründen der Praktikabilität. Der neue Bericht fordert nun, diese Richtlinien dringend erneut zu prüfen.
Credit: APA
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