Historisches Tief in Graz: SPÖ-Krise wird zur Systemfrage für Babler

Historisches Tief in Graz: SPÖ-Krise wird zur Systemfrage für Babler

5,6 Prozent in der zweitgrößten Stadt Österreichs – die SPÖ erlebt in Graz ihre bisher schwerste Wahlniederlage. Parteiintern wächst der Unmut über den Kurs von Bundesparteichef Andreas Babler. Eine Wählerstromanalyse zeigt, wohin die Stimmen tatsächlich gewandert sind.

Ein neuer historischer Tiefpunkt

Bei der Grazer Gemeinderatswahl am 28. Juni erreichte die SPÖ mit Spitzenkandidatin Doris Kampus nur noch 5,6 Prozent – ein Minus von 3,9 Prozentpunkten gegenüber 2021, wie der ORF Steiermark und nachrichten.at übereinstimmend berichten. Die Partei verlor damit zwei ihrer vier Mandate und hält nun nur noch zwei Sitze im 48-köpfigen Gemeinderat. Kampus sprach laut ORF von einem „schmerzhaften Tag“ und einer „großen Enttäuschung“: „Wir haben beide Wahlziele deutlich verfehlt.“ Sie kündigte interne Gespräche an: „Ich übernehme die Verantwortung.“

Wohin die SPÖ-Wähler gewandert sind

Eine Wählerstromanalyse des Foresight Institutes im Auftrag des ORF liefert die Erklärung für das Debakel. Die SPÖ konnte nur 36 Prozent ihrer eigenen Wähler von 2021 halten. Der größte Einzelverlust: 3.500 Stimmen gingen direkt an die Nichtwähler. Im Vergleich zur Landtagswahl 2024 ist der Aderlass noch dramatischer – dort konnte die SPÖ nur 23 Prozent ihrer damaligen Wähler erneut überzeugen. 13.500 Stimmen wanderten allein von der SPÖ zur KPÖ, weitere 2.500 zu den Grünen.

Die KPÖ selbst punktete vor allem durch Mobilisierung: 73 Prozent ihrer eigenen Wähler von 2021 blieben ihr treu – der höchste Wert aller Parteien – und zusätzlich gewann sie laut Wählerstromanalyse 8.000 bisherige Nichtwähler sowie 6.000 ehemalige Grünen-Wähler hinzu.

„Die Kommunisten salonfähig gemacht“

Parteiintern wird die Kritik am Kurs von Bundesparteichef Andreas Babler lauter. Ein Kritiker sagte gegenüber der Krone, es müsse „allen bewusst werden, dass das nicht der richtige Weg ist“. Mit Bablers Linkskurs „rinne die SPÖ nach links und nach rechts aus“. Meinungsforscher Christoph Haselmayer formulierte es noch schärfer gegenüber der Krone: „Andreas Babler hat die Kommunisten salonfähig gemacht.“ Den bundespolitischen Einfluss auf das Grazer Wahlergebnis schätzt er auf 50 zu 50 ein.

Pikant: In einem Video von der KPÖ-Siegesfeier ist die noch amtierende SPÖ-Gemeinderätin Anna Robosch in Feierlaune zu sehen – eine Person, die wegen ihrer Nähe zur Bundesspitze erst im vergangenen Mai medienwirksam von Babler selbst getraut wurde, wie die Krone berichtet.

Der Kontext: Eine historisch niedrige Wahlbeteiligung

Zu berücksichtigen ist auch der Rahmen der Wahl: Mit 51,82 bis 51,89 Prozent verzeichnete Graz laut Stadtportal die schlechteste Wahlbeteiligung der Stadtgeschichte – noch niedriger als der bisherige Tiefstand von 54 Prozent aus dem Jahr 2021. FPÖ-Spitzenkandidat René Apfelknab führte das im ORF-Interview auf die Hitze und parallele Großereignisse zurück: das entscheidende WM-Gruppenspiel der österreichischen Nationalmannschaft sowie den Formel-1-Grand-Prix in Spielberg.

EINORDNUNG DER REDAKTION
Das Grazer Ergebnis ist für die SPÖ mehr als eine lokale Niederlage. Dass die Partei nicht primär an die politische Konkurrenz, sondern überproportional an die eigene Nichtwählerschaft verliert, deutet auf ein strukturelles Mobilisierungsproblem hin, das über einzelne Personalfragen hinausgeht. Gleichzeitig ist Haselmayers These vom „50 zu 50“-Bundeseinfluss eine Einschätzung, keine harte Zahl – sie lässt sich aus einer einzelnen Wählerstromanalyse nicht zweifelsfrei belegen. Was sich aber empirisch zeigen lässt: Die KPÖ gewinnt nicht in erster Linie durch ideologische Überzeugungsarbeit, sondern durch die Personenmarke Elke Kahr, die parteiübergreifend Sympathien genießt – bis hinein in SPÖ-Reihen. Für Babler bedeutet das Grazer Ergebnis eine unbequeme Wahrheit: Eine Stadt zu verlieren, in der die eigene Partei einst stark verankert war, an eine kommunistische Bürgermeisterin mit hoher persönlicher Beliebtheit, wirft die Frage auf, ob die SPÖ ihre Wähler mit Inhalten oder mit Köpfen zurückgewinnen kann – oder ob beides fehlt.

Credits: BKA, Andy Wenzel

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