Österreichs Gesundheitsreform nimmt Konturen an – und stößt dabei auf heftigen Widerstand. Ein durchgesickertes Detail der geplanten Reform sorgt für Aufruhr: Patienten könnten künftig nicht mehr direkt zum Facharzt gehen, sondern müssen erst über den Hausarzt. Der neu gegründete Berufsverband der Fachärzte Österreich schlägt Alarm.
Was geplant ist – und warum es brodelt
Seit der Einführung der E-Card können Kassenpatienten in Österreich Fachärzte großteils ohne Überweisung aufsuchen. Genau das könnte sich laut der geplanten Gesundheitsreform ändern, die Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung gemeinsam ausarbeiten und deren Grundzüge laut oe24.at noch im Sommer feststehen sollen. Ein möglicher Zuweisungszwang – also die Pflicht, zunächst einen Allgemeinmediziner aufzusuchen, bevor man zum Facharzt darf – ist dabei das strittigste Element. Wie profil.at berichtet, hat eine Expertenkommission entsprechende Maßnahmen zur Patientensteuerung vorgeschlagen.
Verbandspräsident Florian Mittermayer, Orthopäde und Obmann des Berufsverbands der Fachärzte Österreich, bringt die Kritik laut oe24.at auf den Punkt: „Man sagt: Steuerung und Patientenlenkung. Man meint: Weniger Kosten und Rationierung. Auf Qualitätssicherung mit medizinischer Expertise wird bei der Debatte um Zuweisungszwang und Gatekeeping nicht vorrangig Rücksicht genommen.“
Petition für freien Facharztzugang
Wie aus der OTS-Aussendung des Berufsverbands hervorgeht, hat der Verband nicht nur protestiert, sondern auch eine Petition für den Erhalt des freien Facharztzugangs ohne verpflichtenden Umweg über die Allgemeinmedizin gestartet. Mittermayer lehnt die Vorschläge der Expertenkommission gegenüber profil.at grundsätzlich ab: Eine verpflichtende Patientenlenkung würde „die medizinische Behandlungsqualität verschlechtern, die Versorgung verlangsamen sowie unnötige Bürokratie und Mehrkosten verursachen.“
Wartezeiten, Mehrkosten – und der Skandinavien-Mythos
Konkret unterstützen mehrere Fachärzte die Kritik ihres Verbandspräsidenten. Wie oe24.at berichtet, warnten Pulmologin Irene Sperk, Internistin Bonni Syeda, Urologe Mehmet Özsoy, HNO-Ärztin Verena Niederberger-Leppin und Dermatologin Elisabeth Heere-Ress in einem gemeinsamen Statement vor Negativfolgen: Wartezeiten auf eine gute Behandlung durch Fachexperten könnten sich verlängern, Kosten könnten steigen. Besonders kritisch sehen sie das oft zitierte Vorbild Skandinavien: „Auch dort gibt es Diskussionen über lange Wartezeiten, Zugänglichkeit und schwindendes Vertrauen ins Gesundheitswesen“, heißt es laut oe24.at in dem Statement.
Der Verband rechnet zudem vor: Die doppelte Inanspruchnahme von Hausarzt und Facharzt führe zu Mehrkosten statt Einsparungen. Dazu kommt ein weiteres Problem, das auch profil.at thematisiert: Wird der Zugang zu Kassenfachärzten erschwert, weichen Patienten erfahrungsgemäß auf teurere Wahlärzte aus – was das System insgesamt teurer macht, nicht günstiger.
Tauziehen zwischen Hausärzten und Fachärzten
Wie profil.at festhält, geht es bei der Debatte letztlich auch um ein Tauziehen zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten im niedergelassenen Bereich. Hinter dem Begriff „Gatekeeping“ verbirgt sich die Frage, wer die erste und zentrale Anlaufstelle im Gesundheitssystem sein soll. Die Allgemeinmediziner – gestärkt durch Primärversorgungszentren – oder die Fachärzte, die sich laut eigener Einschätzung ohnehin in der Lage sehen, Patienten außerhalb der Spitalsambulanzen kompetent zu versorgen.
Credits: APA
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