Mit seiner Mordtheorie im Fall des verstorbenen Justiz-Sektionschefs hat Peter Pilz viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch was sind die Privatgutachten wert, die der ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete in Auftrag gegeben hat? „exxtra24.at“ hat nicht nur das Gutachten des Innsbrucker Gerichtsmediziners Stefano Longato, sondern mittlerweile auch die Stellungnahmen des Ex-Charité-Gerichtsmediziner Michael Tsokos.
Der Star-Gerichtsmediziner Michael Tsokos
Laut Eigenbeschreibung ist Michael Tsokos ein „international gefeierter Experte im Bereich der Forensik“. Auf seiner Webseite gibt es fast nichts, was es nicht gibt: Bücher, Socken oder Tickets für eine seiner zahlreichen Live-Shows bis März 2027. Der Berliner Gerichtsmediziner geizt aber auch mit markanten Sprüchen nicht: „Erst kommt der Tod, dann Dr. Tsokos“ steht auf einem Thermobecher, den es im Onlineshop zu kaufen gibt. Auf einem T-Shirt wiederum, das es in limitierter Auflage zu kaufen gibt, heißt es: „So viele Idioten und nur eine Sense“. Wer mit Tsokos in Kontakt treten will, wird im Impressum übrigens auf einen von Berlin 350 Kilometer entfernten Hofladen in Wanfried verwiesen.


Tsokos als Privatgutachter im Fall Pilnacek
Im Fall Pilnacek ist Tsokos einer der beiden Privatgutachter, die Peter Pilz beauftragt hat, um die Theorie zu stützen, dass der ehemalige Sektionschef Christian Pilnacek umgebracht worden wäre. Tsokos äußerte schon in der Vergangenheit den Verdacht, dass auch andere Prominente wie Whitney Houston oder Kurt Cobain einem Verbrechen zum Opfer gefallen seien – jedoch, ohne Einblick zu den Akten gehabt zu haben (https://www.express.de/promi-und-show/rechtsmediziner-tsokos-whitney-houstonwurde-ertraenkt-824172).
Pilz stützt sich auf Privatgutachten
„Wir müssen davon ausgehen, dass Christian Pilnacek getötet worden ist“, sagt Peter Pilz vor wenigen Tagen in der umfangreichen Doku auf „Servus TV“ und stützt diese Aussage auf die beiden Privatgutachten, die er in Auftrag gegeben hat. Eine Behauptung, die im Fall des Gutachtens aus Innsbruck nicht ansatzweise nachvollziehbar ist: Stefano Longato hält zwar einen Unfall mit Todesfolge für wahrscheinlicher als einen Suizid, bestätigt sonst aber an das offizielle Gutachten des Wiener Gerichtsmediziners Christian Matzenauer, der von einem Ertrinkungstod ausgeht und Fremdverschulden ausschließt.
Kritik am Umgang mit den Gutachten
Monatelang hielt Pilz beide Privatgutachten unter Verschluss bzw. zitierte in seinem Buch und auf seiner Plattform „ZackZack“ nur auszugsweise. Der Staatsanwaltschaft stellte er die Dokumente nicht zur Verfügung, zugleich forderte er wiederholt Aufklärung und kritisierte die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden massiv. Nachdem „exxtra24.at“ vor wenigen Tagen das Gutachten von Stefano Longato erhalten hatte, liegen nun auch die Ausführungen von Michael Tsokos vor. Entgegen der Behauptung des ehemaligen grünen Nationalratsabgeordneten verfasste Tsokos allerdings kein Gutachten, sondern lediglich zwei rechtsmedizinische Stellungnahmen. Diese sind jeweils sechs Seiten lang und enthalten vorwiegend Mutmaßungen – weder Longato noch Tsokos waren bei der Obduktion anwesend noch hatten sie Zugang zu den brisanten Leichenfotos.
Spekulationen und fehlende Daten
Durchaus außergewöhnlich sind fünf handgeschriebene A4-Seiten, auf denen Tsokos Berechnungen rund um die Alkoholisierung von Christian Pilnacek anstellt und daraus einen Todeszeitpunkt ableitet. Mehrmals räumt Tsokos ein, keine abschließende Beurteilung abgeben zu können. Stattdessen spekuliert er: „Könnte nicht doch ein Kampf am Ufer, verbunden mit Flucht des CP am Ufer und anschließendem Hineinspringen (zur Selbstrettung), Hineinfallen (aufgrund der Dunkelheit und widrigen örtlichen Gegebenheiten am Ufer?) oder Hineingestoßen werden, für die Vielzahl von Verletzungen ursächlich sein? Diese Frage kann rechtsmedizinischerseits basierend auf den vorliegenden Begutachtungsgrundlagen nicht beantwortet werden. Hierzu bedarf es weiterer Unterlagen (insbesondere die o.g. Fotos).“ Vage bleibt Tsokos auch bei der Frage, wie Christian Pilnacek ums Leben gekommen ist, verweist aber auch hier auf das Fehlen wichtiger Informationen: „Ursächlich können Unfall, Suizid oder Tötungsdelikt sein und eine Einschätzung ist, basierend auf den bisher dem Unterzeichner vorliegenden Unterlagen und in Ermangelung von Fotos, bisher nicht weiter möglich.“


Tsokos über das offizielle Gutachten
Zum offiziellen Gutachten, das Christian Matzenauer für die Staatsanwaltschaft Krems erstellt hat, hält Tsokos fest: „Grundsätzlich handelt es sich um ein solides Obduktionsprotokoll, in dem die relevanten Befunde nachvollziehbar und manierlich beschrieben sind.“ Umso bemerkenswerter ist, dass Peter Pilz in einem medienrechtlichen Prozess, der gegen ihn geführt wird, am 2. Juni 2025 folgenden Satz sagt: „Das habe ich zwei gerichtsmedizinischen Gutachtern vorgelegt, Dr. Stefano Longato in Innsbruck und Prof. Michael Tsokos in Berlin. Ich habe es im Buch wiedergegeben und bin auch gerne bereit, das auch im Detail zu machen, zu welchen Schlüssen eben diese Gutachter kommen, insbesondere Prof. Tsokos, denn das geht ganz woanders hin, weil das im Gegensatz zum eher sanitätspolizeilichen Gutachten von Dr. Matzenauer ein forensisches Gutachten ist, das versucht, einen möglichen Tathergang zu rekonstruieren.“
Fakten vs. Mordtheorie
Zusammengefasst: Der Wiener Gerichtsmediziner Christian Matzenauer sagt, dass Christian Pilnacek ertrunken ist und es keine eindeutigen Hinweise auf eine Gewalteinwirkung durch fremde Hand gibt. Auch der von Peter Pilz beauftragte Innsbrucker Gerichtsmediziner Stefano Longato schließt Fremdverschulden aus, geht aber eher von einem Unfall als von einem Suizid aus. Und der ebenfalls von Peter Pilz beauftragte Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos schließt zwar ein Tötungsdelikt nicht aus, hält aber auch einen Unfall oder Suizid für möglich. Somit bleibt nur Peter Pilz, der beharrlich die Mordtheorie im Fall Pilnacek vertritt – wenngleich nicht nur die Fakten, sondern sogar seine eigenen Gutachter etwas anderes sagen.
Credits: APA (beide Bilder)
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