Europa am Scheideweg: Vom Schlafen zum Erwachen

Europa am Scheideweg: Vom Schlafen zum Erwachen

Ein Gespräch über Dollar-Absturz, technologische Souveränität und die neue Selbstbehauptung Europas

Martin Alexander Schoeller ist Familienunternehmer und Co-Chairman der Schoeller Group, die er seit 1984 gemeinsam mit seinem Bruder Christoph leitet. Der studierte Diplom-Ingenieur der ETH Zürich baute das anfängliche Ingenieurbüro mit rund 50 Mitarbeitern zu einer international operierenden Firmengruppe mit mehr als 4.000 Beschäftigten aus. Die Schoeller Group ist in den Bereichen Mehrwegverpackungen (Schoeller Allibert), Logistik-Dienstleistungen (trans-o-flex), Maschinenbau und erneuerbare Energien tätig.

Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit ist Schoeller Landesvorstand der Familienunternehmer in Bayern, Honorarkonsul der Republik Togo und Mitinitiator der 2015 gegründeten Münchner Europa Konferenz. Im Dezember 2025 gehörte er zu den Gründern des Sovereign Europe Forum, das sich für ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Europa einsetzt. Die Munich Declaration 2025, die im Februar 2025 anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestellt wurde, unterzeichnete er gemeinsam mit José Manuel Barroso, Klaus Regling und anderen europäischen Führungspersönlichkeiten.

Schoeller ist außerdem Mitgründer von Unternehmen wie GESI Giga Batteries (Großbatterien für die Energiewende) sowie der Stiftung Initiative Mehrweg und engagiert sich für Kreislaufwirtschaft und Investitionen in Afrika. Als Nachfahre der Unternehmerfamilie Schoeller – sein Urgroßvater war Oskar von Miller, Gründer des Deutschen Museums – steht er in einer 500-jährigen Tradition unternehmerischer Verantwortung.

Interview geführt im Februar 2026


1) Dollar-Absturz & „keine Überraschung“

Sie bezeichnen den aktuellen Dollarverfall als „keine Überraschung“. Welche konkreten politischen und wirtschaftlichen Schritte der letzten Monate haben diesen Trend aus Ihrer Sicht ausgelöst?

Ich denke, dass es durch die Zölle zu einer Inflation kommt und jetzt aber gleichzeitig aus Wachstumsinteresse die FED gehindert wird, die Zinsen zur Bekämpfung der Inflation hoch zu nehmen. Dann führt es zu einer Abwertung des Dollars, und das führt dazu, dass das Interesse an Bonds aus dem Ausland zurückgeht. Im Gegenteil, es kann zu Verkäufen kommen.

Das führt dazu, dass die Zentralbank mit Quantitative Easing die fehlenden Mengen mit neu geschaffenem Geld finanzieren muss und das erhöht die Spirale nach unten.

Sie sprechen von einem „Global Decoupling“ der USA. Woran lässt sich dieses konkret festmachen?

Man hat sich auf Big Tech und Verteidigung auf die USA verlassen. Jetzt wird nicht nur die Verteidigung abgesagt, sondern der Machthebel von Big Tech wird auch noch, wenn nötig, unfreundlich gegen Europa eingesetzt.

Als Donald Trump mit dem Menschenrechts-Gerichtshof Den Haag nicht einverstanden war, hat Microsoft auf Befehl Den Haag die E-Mails abgeschaltet.

Wir merken also: wir sind sehr abhängig. Wenn uns ein Außenstehender das Netz abstellen kann und er ist gemäß seinen aktuellen Äußerungen auch nicht immer nur freundlich gesinnt, dann ist es allerhöchste Zeit, dass wir unsere eigene digitale Infrastruktur sowohl auf dem Boden als auch im Weltraum einrichten und die Software und die Daten unter unserer Kontrolle halten.

Das geht nicht von heute auf morgen, aber das geht schrittweise und das nennt man Decoupling. Europa ist noch so überrascht über das Ganze, dass es erst langsam merkt, wie es die eigenen Kräfte hier mobilisieren kann. Aber die Richtung ist klar. Die EU hat sogar eine Kommissarin für technologische Souveränität eingesetzt: Henna Virkkunen.

Es ist höchste Zeit, dass Europa aufwacht und sich nicht nur auf anderen ausruht. Das heißt, dieser Wake-up Call kam zur rechten Zeit, denn unsere Schläfrigkeit war schon gefährlich – und zwar gefährlich für die Sicherung von Frieden in Freiheit.

Welche Rolle spielen Zölle und protektionistische Maßnahmen in der Entwertung einer Leitwährung?

Ich bin kein Volkswirt, aber sehr interessiert an diesem Thema. Wie gesagt: Zölle führen zur Inflation, das weiß aber jeder. Die Bevölkerung wird gezwungen, mehr Geld für etwas auszugeben, als es andere Länder tun müssen.

Wenn man das ewige amerikanische Handelsdefizit ausgleichen will, weiß ich auch nicht, wie man das anders machen kann.

Auf null müssen die Amerikaner nicht ausgleichen, weil sie haben einen sehr großen Zustrom von Erträgen aus dem internationalen Digital-Geschäft. Hier muss zumindest ein Ausgleich – hier ist das noch nicht in der öffentlichen Diskussion wahrnehmbar.

Jamie Dimon hat in Davos vorgeschlagen, dass man Zölle in drei Kategorien aufteilt:

  1. Was ist nötig zur nationalen Sicherheit – das muss 100 % abgesichert und geschützt werden. Das müssen wir jetzt dann auch in Europa tun.
  2. Was macht man gegen unfaires Dumping aus China? Da muss man dagegen halten. Auch Europa leidet unter ständigem Abfluss von Produktion nach China.
  3. Für den Rest braucht man keine Zölle.

Sie sagen, das Vertrauen in den Dollar sei strukturell beschädigt. Woran erkennt man diesen Vertrauensverlust messbar?

Ich denke, der größte Druck wird vom internationalen Bond-Markt kommen.

Der Anstieg des Goldpreises ist ein Zeichen für den Vertrauensverlust in den Dollar und den Vertrauensverlust in die USA. Gold ist eine Weltwährung und der Dollar war eine Weltwährung. Jetzt braucht man schon fast doppelt so viel Dollar für eine Unze Gold, seit er vor einem Jahr zum zweiten Mal Präsident geworden ist.

Jeder normale Mensch weiß, dass sich Vertrauen und Einfluss aus so genannten Win-Win-Beziehungen entwickeln lassen.

Das hat sich noch nicht bis ins Weiße Haus durchgesprochen, denn von hier aus hört man vor allem Win-Lose-Vorschläge.

Keiner möchte der Loser sein, deswegen möchte sich auch keiner mehr darauf einlassen, und das führt zum Vertrauensschund.

Es ist auch unrealistisch, dass da 100 Millionen Leute 7,7 Milliarden Leute zum Kniefall bekommen.

Seit Davos ist aber das Eis gebrochen und die erschreckende Stille, wo man den Eindruck hat, keiner traut sich was zu sagen, ist beendet. Sowohl die europäischen Politiker als auch in Amerika sagt jetzt jeder deutlich seine Meinung.

Wir müssen Trump auch nicht bitten, uns bei der Ukraine zu helfen. Das hat er schon selbst angekündigt mit seinem 24-Stunden-Versprechen, das Putin nicht sonderlich beeindruckt hat.

Sie prognostizieren als nächstes Kursziel die Kaufkraftparität. Was bedeutet das praktisch für Europa und die Weltwirtschaft?

Das wird uns nicht aus der Bahn werfen. Der Dollar war vor 20 Jahren schon bei 1,40 und drüber.

Das vermeintlich viel höhere Bruttosozialprodukt pro Kopf der Amerikaner ist dann möglicherweise nur ein Währungseffekt und bei Kaufkraftparität bleibt kaum mehr ein Vorsprung übrig.

Natürlich kann man sagen, die Amerikaner werden wettbewerbsfähig im Export, aber das ist nicht ihre Stärke. Im Export haben wir uns vor allem mit den Asiaten zu messen und hier müssen wir uns wahrscheinlich auch verteidigen mit Zöllen, weil wir es hier teilweise mit Dumping zu tun haben.

Mittelstand, Automobil und Zulieferer und Maschinenbauer haben ein berechtigtes Schutzinteresse gegenüber China.

Dies müssen wir mit der Politik besprechen, insbesondere als mittelständische Unternehmer, weil die Großindustrie ist in China vor Ort und möchte sich jeden Ärger ersparen.


2) Das „magische Dollar-Dreieck“

Sie sprechen vom „magischen Dollar-Dreieck“ aus Technologie-, Handels- und Sicherheitsabhängigkeit. Können Sie dieses Modell näher erklären?

Wenn sich die früheren Alliierten der USA – heute noch Alliierte auf dem Papier – in dreifacher Hinsicht abhängig fühlen und gleichzeitig gut behandelt, dann kann sich der Dollar als Weltwährung von der inneren Kaufkraft abkoppeln. Das haben wir jetzt lange gesehen.

Der Dollar ist dann auch eine Währung für Produkte aus der ganzen Welt, in denen geringere Inflation herrscht. Also müssen diese auch nicht in Dollar teurer werden.

Die aktuelle Politik stellt aber die Bereitschaft der amerikanischen Partner infrage, weiterhin in der Abhängigkeit zu bleiben.

Es ist gesund für beide Seiten, denn wie schon gesagt, wir haben es auch zu bequem gemacht.

Der europäische Kapitalmarkt steht jetzt vor der Tür und damit auch zum ersten Mal die Möglichkeit, dass der Euro ebenfalls eine Weltwährung wird.

Warum war dieses Dreieck jahrzehntelang die Stütze der Dollar-Dominanz?

Siehe vorher.

Inwiefern wurde dieses Dreieck innerhalb von nur zwölf Monaten „aufgelöst“?

Das NSS hat das Schutz-Mandat gekündigt. Das NATO-Bündnis sollte hoffentlich bestehen bleiben, aber hier ist jetzt auch eine Chance, dass Europa die europäischen Kommandos übernimmt.

Big Tech haben sich bei Trump angebiedert im Weißen Haus und damit bewiesen, dass sie nicht zu dem Wertesystem stehen, was in Europa vorher herrscht.

Das ist ein doppelter Wake-up Call – nicht nur in Richtung USA-Regierung, sondern auch in Richtung Big Tech, sich unabhängiger zu machen.

Wenn wir jetzt ausreichend stark in Europa investieren, ist es eine Riesen-Chance. Dort sind übrigens die Bäume in den Himmel gewachsen, das ist auch nicht gesund.

Welche geopolitischen Folgen hat diese Entwicklung für NATO-Partner und Alliierte?

Die nicht-amerikanischen NATO-Mitglieder werden näher zusammenrücken. Europa entwickelt sich von einem gemeinsamen Markt zu einer gemeinsamen Verteidigungsunion.

Das ist übrigens auch sehr förderlich für den gemeinsamen Markt.

Europa wird es schaffen, dass der Duopol USA-China durch die Großmacht Europa ergänzt wird. Das glauben viele noch nicht, aber die Fakten sprechen dafür. Es gibt auch keine andere Wahl.

Wir plädieren für eine Freihandelszone der Demokratien und sollte in drei Jahren die amerikanische Demokratie fortgesetzt werden – davon wollen wir doch noch ausgehen – dann stehen die Karten für die demokratische Welt sehr gut.

Es ist auch nicht nötig, dass sich die Geschichte der ablösenden Großmächte wiederholt.

Denn Europa macht etwas, was es in der Geschichte noch nie gegeben hat: Europa erkennt die Außengrenzen und auch die Innengrenzen als definitiv an.

Russland, China und die USA tun das nicht und bedrohen ihre Nachbarn, und das nichts zu tun gibt Europa einen gewaltigen Vorteil weltweit – in der Glaubwürdigkeit und Partnerfähigkeit.

Diktatoren können sich, wie die Geschichte zeigt, nicht ewig halten. Irgendwann werden sie zu alt und irgendwann wird der Druck auf dem Kochtopf so hoch, dass der Deckel hochgeht.

Diktatoren müssen sich am Start bereichern, weil sie glauben, das Geld zu brauchen, um sicher zu sein. Dann können sie auch die Macht nicht mehr abgeben, denn dann würden sie im Gefängnis landen – das ist der Teufelskreis.

Was Sorgen macht, ist, dass sich Trump anscheinend vor den Augen der Welt bereichert und seine politische Macht zum persönlichen Vorteil nutzt. Wo immer etwas zu verhandeln ist, schickt er den Mann seiner eigenen Tochter hin, um zu sehen, dass es geschäftlich auch nutzbar ist – Kushner. Europa sollte gegenüber Herrn Kushner zurückhaltender reagieren. Das ist nicht unser Stil.


3) Goldpreis & Vertrauensverlust

Sie sehen eine direkte Korrelation zwischen Goldpreis und Vertrauensverlust in den Dollar. Wie eindeutig ist dieser Zusammenhang historisch belegbar?

Das ist eine interessante Frage. Wenn Sie wollen, versuche ich, die Korrelation der Kurven der letzten 30 Jahre zu liefern. Ich glaube, der Vertrauensschund war noch nie so groß, deswegen müsste man schauen, wo ähnliche Situationen in der Vergangenheit aufgetreten sind. Vielleicht gegen Ende des Irak-Kriegs.

Welche Rolle spielt der Verkauf oder die Zurückhaltung beim Kauf amerikanischer Staatsanleihen durch frühere Verbündete?

Wenn die Nachfrage nach Treasury Bonds fällt, dann würde der Bond-Preis fallen und die rechnerischen Zinsen steigen. Und das wird dazu führen, dass die FED unter Druck gesetzt wird, dem entgegen zu halten und damit eine künstliche und nicht dauerhafte Stabilität herbeizuführen.

Die Amerikaner sind, im Gegensatz zu Europa, China und Japan, auf ausländische Bond-Käufer angewiesen – inländisch sind sie auch schon so verschuldet. Das hängt auch mit dem Handelsdefizit und Zahlungsbilanzdefizit zusammen. Die vermeintliche Größe steht auf Pump.

Ist der Goldanstieg eher ein politisches oder ein monetäres Signal?

Wie schon gesagt ein politisches. Die Goldkäufer erklären das Sicherheitsgefühl als Kaufmotiv. Und der Schwarm macht mit, so lange ein Zug in Bewegung ist. Das ist aber nur die Wahrnehmung eines Zeitungslesers. Ich beanspruche hier nicht, einen Expertenstatus zu haben.


4) Rolle Europas & mögliche Euro-Aufwertung

Sie vertreten die These, dass der Euro künftig eine stärkere internationale Rolle einnehmen könnte. Was müsste Europa konkret tun, damit das realistisch wird?

(Keine explizite Antwort im Rohmaterial vorhanden)

Wo sehen Sie derzeit die größten Stärken Europas im Vergleich zu den USA?

(Keine explizite Antwort im Rohmaterial vorhanden)

Sie sagen: „Die EU ist aktuell die einzige Großmacht, die Grenzen respektiert und demokratische Werte verteidigt.“ Was macht diese Kombination geopolitisch so relevant?

(Siehe Antworten unter Punkt 2 – geopolitische Folgen)

Unter welchen Bedingungen könnte der Goldpreis wieder sinken?

(Keine explizite Antwort im Rohmaterial vorhanden)


5) UNO, „Board of Peace“ und Privatisierung von Friedenspolitik

Sie kritisieren die Idee, die UNO durch ein „Board of Peace“ zu umgehen. Welche Gefahren sehen Sie darin?

Wieso kann ein Politiker auf Lebenszeit Außenpolitik machen? Die Teilnehmer sind in erster Linie Diktatoren. Wo wird die Grenze gezogen zwischen den persönlichen Interessen der Familie Trump und der Politik?

Ich glaube nicht, dass diese Gruppe von der demokratischen Politik ernst genommen wird.

Die Welt hat momentan einen Konflikt zwischen autoritär und demokratisch und damit geht es um die Frage: Ist Opposition erlaubt oder nicht? Und das ist auch die Frage: Ist Unterdrückung erlaubt oder nicht? Und damit ist eindeutig klar, für was wir kämpfen sollten und auch werden – allen Demokraten ist das bewusst.

Den Randparteien muss man das noch besser erklären.

Was meinen Sie konkret mit einer „Privatisierung der Friedenspolitik“?

Wie gesagt: wenn ein Mann ohne Amt sich einsetzt, Friedenspolitik zu machen und sich dabei ein großes Budget von autoritären Machthabern geben lässt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Überschneidungen zwischen Infrastruktur-Investitionszielen des Affinity Fund (Kushner/Trump) und aktuellen Friedensverhandlungen?

Bisher haben Saudis und Katar investiert in Affinity. Bis jetzt ist noch nicht viel gemacht worden. Aber Affinity gibt an, für Infrastruktur bereit zu stehen und aufgrund ihrer politischen Kontakte Investoren interessante Chancen zu bieten.

Da ist dann ein Investment durch den Schwiegersohn naheliegend, wenn es zum Beispiel um den Wiederaufbau der Ukraine geht – und ich finde, Europa muss hier gegenhalten.

Die Managementgebühr ist enorm, die die Familie insbesondere dafür kassiert, dass sie als Familie dem Präsidenten nahesteht.

Das wäre in Europa unmöglich. Es ist auch nicht richtig, dass viele Unternehmer jetzt sich von allen Regeln befreit fühlen und denken, alles sei möglich. Ich bin dafür, dass wir bei unseren Regeln bleiben.

Besteht die Möglichkeit, dass Mittel für Wiederaufbau über private Fonds gesteuert werden? Wäre das rechtlich und politisch problematisch?

Die öffentliche Infrastruktur muss ja vom Staat bezahlt werden. Können hier Private sehr angenehme Gewinne machen und der Kunde ist immer der Staat.

Infrastruktur kann auch an staatsnahe Organisationen vermietet werden. Das ist auch sowas wie eine gesicherte Geldeinnahme und hier werden im Prinzip Staatsanleihen in Hochzinsanleihen transformiert.

Europa zahlt aber für die Ukraine und Europa muss hier etwas geschäftstüchtig werden, auch das Wiederaufbaugeschäft im Gegenzug dafür zu verlangen. Das ist doch einer der Vorschläge des Sovereign Europe Forums.

Welche Rolle spielt Jared Kushner Ihrer Einschätzung nach bei diesen Prozessen?

Kushner ist bei allen Verhandlungen über die Ukraine dabei. Er hat noch nicht erklärt, dass er deswegen darauf verzichtet, Affinity-Geschäfte zu machen. Die Frage sollte man ihm einmal stellen. Persönliche Geschäfte mit staatlichen Informationen sind bei uns nicht gern gesehen, wie man auch an einem bekannten Fall in Österreich sehen kann.


6) Sanktionen, Demokratieverständnis & Europas Reaktion

Sie fordern, Europa müsse schneller und entschlossener auf politische Entwicklungen in den USA reagieren. Was wären aus Ihrer Sicht konkrete Maßnahmen?

Die gefährlichste Waffe, die Europa in der Hand hält, um sich gegen mögliche Erpressungen zu wehren, ist die DST – die Digital Services Tax.

Darüber hinaus gibt es den Digital Services Act. Und wir haben inzwischen auch jede Begründung, die wir brauchen, um dieses Thema aufgrund des Interesses der nationalen Sicherheit stärker in die Hand zu nehmen.

Das einzig Starke an der amerikanischen Wirtschaft sind die Big Tech. Die Big Tech haben nicht widersprochen beim Angriff auf Grönland und haben sich damit verdächtig gemacht. Man muss sich die Frage stellen: Schützen die ihren Kunden oder geht das hier um reine Beliebigkeit und Vasallentum?

Ich bin begeistert, dass Jamie Dimon, Marc Carney, Larry Fink und Ken Griffin in Davos ihre Meinung gesagt haben. Die Offenheit von den Big-Tech-Bossen, die momentan noch so stark von Europa profitieren, fehlt noch.

Das ist eine Frage der Haltung. Und es ist gut, wenn wir darauf achten.

Sie sprechen von einem Glaubwürdigkeitsverlust Europas. Woran machen Sie diesen fest?

Europa hatte einen Glaubwürdigkeitsverlust, solange Europa sich nicht getraut hat zu widersprechen. Aber das ist seit Grönland anders. Wir können jetzt alle schon ziemlich stolz sein auf Europa. Es ist der Anfang von einer neuen und spannenden Phase.

Sie sagen, Demokratien müssten sich auch gegen andere Demokratien verteidigen können, wenn diese sich undemokratisch verhalten. Was bedeutet das konkret?

Das zielt auf Grönland ab. Es ist ja vollkommen widersinnig – und es hat auch nie in der Geschichte einen Krieg zwischen zwei Demokratien gegeben. Ich bin der Meinung, dass der Kongress und viele in Amerika Trump wieder einbremsen – eine sehr wichtige Rolle gespielt hat.

Wenn man Grönland kaufen will für den niedrigsten möglichen Quadratmeterpreis, den es für Agrarland gibt oder Naturschutzpark – das sind dann zwei Euro pro Quadratmeter – dann würde es um ein europäisches Vermögen von 4.000 Milliarden Euro gehen, 4 Billionen, wie die Amerikaner sagen: Trillions.

Die Frage „Warum wollen Sie gerne Grönland haben?“ und die Antwort „Weil ich es gerne hätte“ kann dann auch zu der Frage führen: „Wir wollen gerne die Big-Tech-Unternehmen haben, weil wir sie gerne hätten.“

Sind hier alle einig, dass das absurd ist? Man kann sich auch trauen, das zu sagen. Marc Carney hat hier in Davos eine epochale Rede gehalten, vergleichbar mit der Mond-Rede von Kennedy.

Wo verläuft für Sie die „rote Linie“?

Grenzen mit Gewalt oder gegen den Willen des betroffenen Staates einzunehmen.

Deswegen sollten wir auch bezüglich Ukraine nicht für einen Friedensvertrag sein, der Territorien aufgibt, sondern nur für einen Waffenstillstand und eine provisorische Lösung – sowie damals bei der DDR, die am Ende wieder zurückkam.


7) Energiepolitik, Wasserstoff & neue Abhängigkeiten

Sie warnen vor einer neuen energiepolitischen Abhängigkeit durch Wasserstoffimporte. Warum?

Ich bin hiermit Elon Musk ausnahmsweise einer Meinung, dass es genügend Sonnen- und Windenergie gibt, die gepaart mit Batterien zu günstigen Bedingungen rund um die Uhr Strom liefern können.

Ich denke nicht an Wasserstoffimporte – ist vielleicht etwas falsch verstanden worden. Aber Wasserstoff aus erneuerbaren Energien herzustellen und dann zurück in Strom zu verwandeln, ist zehnmal so teuer, als es in der Batterie zu speichern. Also kein guter Weg.

Wasserstoff, um die Verbrennung von Kohle zu ersetzen – in Stahlwerken zum Beispiel – kann sinnvoll sein und braucht aber einen funktionierenden CO₂-Emissionshandel.

Der reguläre soll ja dieses Jahr erst anfangen. Das wird spannend und ist konzeptionell von einem breiten Konsens getragen – auch meinem.

Die lang anhaltende Dunkelflaute kann bisher kostengünstig nur mit Gaskraftwerken und einem Redundanz-Erhalt der konventionellen Energiequellen abgedeckt werden.

Laut EWI sind die Ausbauziele für Wasserstoff deutlich verfehlt. Welche Konsequenzen hat das für die Energieplanung?

Mit Wasserstoff hat man sich unter der Regierung Habeck verschätzt. Das muss jetzt zurückgedreht werden. Wasserstoff ist kein Energiespeicher-Medium, aber wie gesagt könnte es ein Brennstoff sein, wo es um Wärme geht.

Sie sehen Großbatterien und Flexibilitätsoptionen als Alternative. Wird das politisch ausreichend berücksichtigt?

Großbatterien sind eine hervorragende Lösung. Kosten dem Staat kein Geld, tragen sich selbst. Das ist wichtig, weil ansonsten für die Energiewende jetzt gerade riesige Beträge aufgerufen werden, die teilweise nicht notwendig sind.

Eine Großbatterie auf einem früheren Atomkraftwerk, welche 1 GW für 2 Stunden liefern kann, spart 400.000 t CO₂-Ausstoß, der ansonsten entstehen würde, wenn man diese 2 Stunden Spitzenbedarf nach Sonnenuntergang mit Gas decken würde.

Eine Großbatterie spart außerdem das Äquivalent von 200 Windmühlen, weil sie verhindert, dass Windmühlen abgestellt werden und damit besser ausgenutzt werden können.

Besteht die Gefahr, dass die Wasserstoffstrategie als Rechtfertigung für neue fossile Infrastruktur missbraucht wird?

Die Verbrennung von Gas bringt ja deutlich weniger CO₂ als die Verbrennung von Kohle und die Verbrennung von Gas ist für das Problem der wochenlangen Dunkelflaute nicht vermeidbar.


8) Big Tech, wirtschaftliche Abhängigkeit der USA von Europa

Sie argumentieren, dass US-Big-Tech massiv von Europa abhängig ist. In welchen Bereichen konkret?

Zwischen zwei- und 300 Milliarden Gewinne werden pro Jahr von Europa aus für diese Konzerne verdient und auch transferiert. Sie zahlen nur wenig Steuern. 300 Milliarden entsprechen bei 30-mal-Gewinn 9 Trillionen Wert. Das ist ungefähr der halbe Wert aller Big Tech zusammen.

Hiervon muss sich Europa eine Scheibe holen und das wird jetzt auch getan – im Interesse der Sicherheit.

Wären europäische Sanktionen gegen US-Tech realistisch durchsetzbar?

Das wird ein Riesenaufschrei geben, aber wir müssen es dosiert machen in Bezug auf unsere Sicherheitsbedürfnisse und nur dann eskalieren, wenn die USA irgendetwas eskaliert.

Wir haben es gesehen, als China den Amerikanern die Stirn geboten hat. Das hat funktioniert und das können wir auch.

Wir hören inzwischen auf, uns als den kleinen Jungen zu sehen, den man rumschickt. Es ist aber eine mentale Übung, aber wir hatten 80 Jahre lang eine Kindhaltung gegenüber den USA.

Wie groß ist Europas wirtschaftlicher Hebel tatsächlich?

Europas Bruttosozialprodukt ist, kaufkraftbereinigt, fast gleich so groß wie das amerikanische. Wir haben weniger als die Hälfte der Schulden. Wir haben die Konsumenten, die einen Großteil des amerikanischen Börsenwerts der Big Tech darstellen.

Amerika ist abhängiger von Europa, als beiden Seiten bisher bewusst ist, aber dieses Denken erwacht.

Wenn einer sich latent unfreundlich verhält, muss er damit rechnen, dass all diese Gedanken kommen. Die Trump-Administration hat sozusagen die schlafenden Hunde geweckt in Europa.


9) Grönland, Selbstbestimmung & Systemvergleich

Sie betonen, dass über Grönland ausschließlich die Bevölkerung Grönlands entscheiden soll. Warum ist dieses Thema aus Ihrer Sicht so symbolträchtig?

Noch gehört Grönland zu Europa. Wenn man uns etwas gegen unseren Willen wegnehmen möchte, dann wäre die Tür geöffnet, dass wir das Gegenteil tun. Der Pfand, den wir in der Hand halten, ist groß genug.

Die europäische Souveränität ist deswegen so wichtig – das weiß aber auch schon jeder – und sie soll auf drei Säulen stehen:

Der europäischen Verteidigungsfähigkeit, der europäischen technologischen Souveränität und der europäischen Kapitalmarktunion.

Könnte Europa hier seine rechtsstaatlichen Prinzipien auf einer „Weltbühne“ demonstrieren?

Ja, das kann es und das muss es jetzt auch. Es war etwas zögerlich, aber seit Davos hat sich hier der Wind gedreht.


10) Kritik an öffentlichen Intellektuellen & Debattenkultur

Sie kritisieren, dass Philosophen wie Richard David Precht keine konstruktiven Handlungsoptionen aufzeigen. Was fehlt Ihnen in dieser Debatte?

Die Debatte war voll einer pessimistischen und unterwürfigen Haltung. Es war schick, Europa zu kritisieren und damit war man in der Argumentationsfalle – dann konnte man auch nicht sagen, Europa ist stark und kann sich behaupten.

Es sollte jetzt nicht mehr schick sein, Europa zu kritisieren. Das ist eine große mentale Übung für manche Philosophen, die aus intellektueller Eitelkeit ihren Pessimismus pflegen.

Mit Freude stelle ich fest, dass seit Davos in den Medien auch etwas Stolz und Selbstbewusstsein zu erkennen ist. Das ist der Beginn einer neuen Ära.

Ich sagte schon Anfang des Jahres, dass das Jahr die Sternstunde Europas wird – und ich würde mich darin noch bestätigt sehen schon nach dem ersten Monat.

Auch die MSC wird spannend. Hier wird man nicht mehr Vance allein die Bühne lassen, um sich im Gastland schlecht zu benehmen und ungebildet. Denn die AfD-Freunde in der amerikanischen Regierung haben noch nicht mal verstanden, dass die AfD aus Europa austreten will. Also es wird auch noch mit riesiger Inkompetenz gepoltert. Diesbezüglich kritisiere ich auch Elon Musk.

Man muss die AfD aufteilen in Europa-Freunde und Europa-Feinde, dann weiß jeder, was hier zu denken und zu diskutieren ist.

Zum Beispiel kommt an der MSC auch Gavin Newsom, der demokratische Gouverneur von Kalifornien, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Man nennt ihn schon den Anti-Trump.

Es ist gut für Amerika, dass jetzt die anderen Stimmen zu hören sind. Man hatte schon so etwas wie ein unheimliches Schweigen vermutet.

Wird die öffentliche Diskussion aus Ihrer Sicht zu sehr von Zynismus und zu wenig von Lösungsorientierung geprägt?

Es war so – und ich nehme wahr, dass es sich dreht, und freue mich.


Das Interview führte Mag. Markus Posset, MBA, MSc

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