Erdrutschsieg in Bulgarien: Russlandfreundlicher Ex-Präsident Radew übernimmt die Macht

Erdrutschsieg in Bulgarien: Russlandfreundlicher Ex-Präsident Radew übernimmt die Macht

Zum achten Mal in fünf Jahren hat Bulgarien gewählt – und diesmal mit einem klaren Ergebnis. Ex-Präsident Rumen Radew holt fast 45 Prozent. Brüssel schaut besorgt zu.


Absolute Mehrheit für Progressives Bulgarien

Es ist ein historisches Ergebnis für das ärmste EU-Land. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 19. April 2026 holte Radews Bündnis Progressives Bulgarien laut der Zentralen Wahlkommission rund 44,7 Prozent der Stimmen – weit mehr als in den Umfragen prognostiziert worden waren. Wie der ORF berichtete, könnte das Bündnis damit bis zu 140 der 240 Parlamentssitze erringen und hätte somit die absolute Mehrheit. Auf dem zweiten Platz landete das prowestliche konservative Bündnis GERB-SDS von Ex-Premier Bojko Borissow mit nur rund 13 Prozent – dem schlechtesten Ergebnis der Partei überhaupt.

Radew feierte seinen Sieg mit klaren Worten: „Progressives Bulgarien hat entscheidend gewonnen. Das ist ein Sieg der Hoffnung über das Misstrauen, ein Sieg der Freiheit über die Angst“, sagte er laut ORF nach Bekanntgabe der Prognosen.

Wer ist Rumen Radew?

Der 62-jährige Ex-Kampfjet-Pilot und frühere Oberkommandierende der bulgarischen Luftstreitkräfte war im Jänner 2026 als Staatspräsident zurückgetreten, um selbst als Kandidat ins Rennen gehen zu können. Wie t-online berichtete, ist Radew ausgebildeter Absolvent des US Air War College – macht aber keinen Hehl aus seiner Sympathie für Russland. Er sieht Bulgarien als Mittler zwischen Moskau und Brüssel und pflegt enge Kontakte zu Kremlchef Wladimir Putin.

Der Kreml reagierte erwartungsgemäß positiv: Sprecher Dmitri Peskow erklärte laut vol.at, man sei durch Radews Äußerungen über die Notwendigkeit eines pragmatischen Dialogs mit Russland „beeindruckt und ermutigt“.

Ukraine-Kurs: Kein Geld, keine Blockade

Für Brüssel ist Radews außenpolitische Linie die entscheidende Frage. Sein Standpunkt ist dabei nuanciert: Militärische Unterstützung für die Ukraine lehnt er ab und warb im Wahlkampf für die Wiederaufnahme russischer Energie-Lieferungen. Wie ZDF heute berichtete, erklärte Radew in einem Fernsehinterview jedoch auch, dass er entsprechende EU-Beschlüsse zur Ukraine-Hilfe nicht blockieren werde – eine explizite Abgrenzung von Viktor Orbáns Taktik.

Dennoch ziehen russische Medien den Vergleich. Die Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta schrieb laut ORF: „Bei einem Sieg der von Radew geführten Partei wird sich der außenpolitische Kurs Bulgariens ändern: Sofia wird mit großer Wahrscheinlichkeit für Brüssel ebenso unbequem werden wie Budapest.“

Warum die Wähler Radew wollten

Die Lage im Land erklärt den Erdrutschsieg. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zusammenfasste, war es bereits die achte Wahl seit April 2021 – Bulgarien steckt seit Jahren in einer politischen Dauerkrise. Im Dezember 2025 hatte eine Welle von Massenprotesten gegen Steuererhöhungen die damalige Koalitionsregierung zu Fall gebracht. Die Euro-Einführung zu Jahresbeginn 2026 sorgte für steigende Preise und Unmut in der Bevölkerung, wie ZDF heute berichtete. Dazu kommt grassierende Korruption, die sich laut ORF auch in weit verbreitetem Stimmenkauf äußert.

Brüssel gratuliert – und beobachtet genau

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Radew nach seinem Sieg, wie t-online berichtete, und schrieb, sie freue sich auf die Zusammenarbeit „für Wohlstand und Sicherheit in Bulgarien und Europa.“ Ob Radew tatsächlich einen neuen russlandfreundlichen Kurs einschlägt oder seine Töne vor allem Wahltaktik waren, wird sich erst zeigen müssen – vorrangige Aufgabe der neuen Regierung ist laut ORF zunächst die Verabschiedung eines längst überfälligen Staatsbudgets für 2026.

Credits: Von President.bg, CC BY 2.5 bg, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80005074 (KI-erweitert)

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