Klagenfurts Sozialdemokraten versprechen einen Neustart und schicken den 72-jährigen Manfred „Waschi“ Mertel ins Rennen. Der 43-jährige Stadtparteichef Ronald Rabitsch wird Zweiter. Die Zukunft darf also mit aufs Foto. Ans Steuer lässt man sie sicherheitshalber noch nicht.
Die SPÖ möchte in Klagenfurt ein neues Kapitel aufschlagen. Bei der Auswahl des Hauptdarstellers hat sie allerdings erst einmal im Archiv nachgesehen.
Gefunden hat sie Manfred „Waschi“ Mertel: 72 Jahre alt, politisch erfahren, bekanntes Gesicht, rotes Kapperl. Ronald Rabitsch, 43, Vizebürgermeister und Stadtparteichef, kandidiert auf Listenplatz zwei.
Damit ist die Rollenverteilung geklärt: Mertel verkörpert den Aufbruch. Rabitsch schaut, dass beim Aufbrechen nichts liegen bleibt.
Jung, engagiert, verfügbar? Wir melden uns in dreißig Jahren.
Natürlich darf ein 72-Jähriger Bürgermeister werden. Die entscheidende Frage ist, warum eine Partei ihren eigenen jüngeren Stadtchef hinter ihm einordnet und das anschließend als Erneuerung präsentiert.
Rabitsch dürfte sich seine politische Laufbahn ungefähr so vorgestellt haben: Verantwortung übernehmen, Stadtpartei führen, Vizebürgermeister werden, irgendwann selbst vorne stehen.
Die SPÖ hat bei „irgendwann“ offenbar noch eine Fußnote ergänzt.
Man könnte sich dazu folgenden frei erfundenen Dialog vorstellen:
„Ronald, du bist unsere Zukunft.“
„Super. Wann geht’s los?“
„Sobald du unsere Vergangenheit bist.“
Das muss man erst einmal zusammenbringen: einen jüngeren Funktionär aufbauen, ihm Verantwortung übertragen und ihn beim entscheidenden Schritt behandeln wie einen Fahrschüler, der zwar das Auto waschen darf, aber bitte die Finger vom Zündschlüssel lässt.
Rotes Kapperl, schwarzer Tag? Die SPÖ startet den Motor.
Mertels rotes Kapperl ist sein Markenzeichen. Die Erinnerung an Niki Lauda liegt nahe. Nur reicht es im politischen Rennen leider nicht, die richtige Kopfbedeckung zu tragen. Irgendjemand müsste auch erklären, wo die Reise hingeht.
Das Kapperl soll vermutlich ohnehin eher die Glatze verdecken als den Neustart zeigen. Das ist sein gutes Recht. Nur sollte die SPÖ zwischen Sonnenschutz und Zukunftskonzept unterscheiden können.
Was bietet sie jungen Familien? Wie soll Wohnen leistbarer werden? Warum sollen Menschen, die sich von der Partei längst verabschiedet haben, ausgerechnet jetzt wiederkommen?
„Den Waschi kennt man“, wird man in der SPÖ vermutlich sagen. Den Zahnarzt kennt man auch. Trotzdem käme niemand auf die Idee, ihm deshalb freiwillig fünf weitere Jahre den Mund aufzumachen.
Bekanntheit allein gewinnt keine Wahl. Sonst wäre das Finanzamt längst mit absoluter Mehrheit im Rathaus.
Und weil das rote Kapperl an Niki Lauda erinnert: Lauda hat darunter Rennen gewonnen. Bei Waschi fürchte ich eher einen politischen Totalschaden für die SPÖ Klagenfurt. Rabitsch darf dann vermutlich das Warndreieck aufstellen – und Fellner erklärt, man habe die Leitplanke bewusst als neue Richtung gewählt.
Fellners Nachwuchsförderung: Erst reifen lassen, dann einlagern
Landeshauptmann und SPÖ-Landesparteichef Daniel Fellner unterstützt Mertels Kandidatur.
Damit schuldet auch er eine Erklärung, weshalb der versprochene Aufbruch ausgerechnet an Rabitsch vorbeifährt.
Vielleicht wird politische Nachwuchsförderung in der SPÖ inzwischen wie ein guter Rotwein behandelt: jahrelang lagern, gelegentlich lobend erwähnen und bei der entscheidenden Gelegenheit doch wieder dieselbe alte Flasche aufmachen.
Besonders bemerkenswert: Eine von der SPÖ beauftragte Umfrage hatte laut öffentlicher Berichterstattung beiden Männern ähnlich gute Chancen auf die Stichwahl eingeräumt.
Rabitsch war demnach offenbar konkurrenzfähig.
Das dürfte sein entscheidender Fehler gewesen sein. Wer zu früh bereit ist, bringt schließlich die gesamte Warteliste durcheinander.
Nach außen heißt das dann „Teamgeist“. Ein wunderbares Wort. Besonders dann, wenn einer auf die Spitzenkandidatur verzichtet und anschließend erklären darf, wie sehr er sich darüber freut.
Scheider braucht Popcorn. Die Opposition liefert das Programm.
Während die SPÖ ihren personellen Neustart erläutert und die FPÖ laut jüngster Berichterstattung noch um ihre Spitzenkandidatur ringt, könnte Christian Scheider vom Schauspiel profitieren.
Auch der Amtsinhaber muss sich seiner Bilanz stellen. Eine Bürgermeisterwahl ist schließlich keine Auszeichnung dafür, dass die Konkurrenz schlecht organisiert ist.
Aber sie hilft.
Die einen haben einen Kandidaten und müssen erklären, warum. Die anderen müssen sich erst auf einen einigen. Scheider könnte inzwischen den Sitzungssaal lüften und fragen, ob die Herren Herausforderer noch länger brauchen.
Einen sicheren Wahlsieg ergibt das nicht. Doch wer einen Bürgermeister ablösen will, sollte möglichst vermeiden, ihm schon vor dem Wahlkampf die angenehmsten Wochen seiner Amtszeit zu bescheren. Das Ganze erinnert an eine frei erfundene Loriot-Szene.
Und die Moral von der Geschicht: Der Nachwuchs trägt die Leiter. Hinauf darf er noch nicht.
Die SPÖ ruft: „Platz für die Jugend!“
Rabitsch macht einen Schritt nach vorne.
„So war das nicht gemeint, Ronald. Du stehst vor dem Kandidaten.“
So könnte dieser Klagenfurter Aufbruch enden: Einer trägt das Kapperl, einer trägt die Plakate – und der Dritte behält womöglich den Büroschlüssel.
Wenn sich SPÖ und FPÖ lange genug selbst im Weg stehen, muss Scheider am Ende vielleicht nur noch freundlich fragen: „Seid ihr mit meinem Wahlkampf bald fertig?“
Freundschaft!
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